Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1913)
- Date
- 1913-06-30
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3537599-3537704-3537707--2866-3540968- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Jüdische Student 77 jähre, in denen er auf der eigenen Scholle saß und sichselbst und der Welt die ewigen Werte geschenkt, bis er hinausgestoßen wurde in die Welt, die ihm nur Undank bot.../ Und so wurde er in diesen Wanderjahren umhergewirbelt, nicht wie Goethes Meister als lernender Wanderer, nkht>wie der Kolonist mit gieriger Erobererkraft, sondern geschüttelt und. kraftlos; er .war Knecht, wo die anderen herrschten; sah zu mit grüblerischem Neid, wo die anderen die Taten schufen, und die Müdigkeit der Unsicheren, der Existenzlosen bohrte' sich ihm' in Sinn und Art. Der Messiasgedanke war und blieb Fiktion und Surrogat, und sein vergröberter Abklatsch, der Missionsgedanke, kaum noch glaubbar und nie erprobt; Uiitd derjenige, von dem die offizielle Geschichtsschreibung die neue Zeit der jüdischen Geschichte datierte, Moses Mendelssohn,- dessen Kinder sich taufen ließen, traf nur einen Teil des Judentums und löste auf, wo er hatte binden sollen ... Vergangenheit ward unwirklich; was unser Leben hätte formen und bestimmen sollen, das Blut und das Schicksal, ward wie ein böser Traum und ein lästiger Alpdruck. Und da appellierte Herzf'an die Träume und pochte an die unterirdischen Gewalten des Juden, das. Blut, das ihn über Welten und Zeiten hin mit seinen Brüdern verbindet, und den Geist, daß er sieh erneuere und uns ganz ergreife; und fügte den Willen hinzu, der die Möglichkeiten des einzelnen erfassen und die verborgenen, geheimnisvollen Kräfte der Gesamtheit aufrütteln soll, und fügte das Land hinzu, das einst der Träger des Volkes gewesen war, damit an der Scholle und aus der Wurzelhaftigkeä! die Tat sich erhebe. So baute er gradlinig, unverkünsfelt sein Werk, und aus dem Chaos der zahllosen Kräfte, die an ihm, seinem Charakter, seinem Geiste formend tätig gewesen, waren, die lim zum Journalisten und Literaten, zum Formbeherrscher und Wortdeuter gemacht hatten, rettete er sich in die Reinheit -des Unbeinleu und spürte mit dem tiefen Auge-des . prophetischen Menschen die treibenden Kräfte von des Juden Leid und Aufstieg heraus .. die Rastlosigkeit, der er das Zentrum, den Kosmos, -die Ruhe geben wollte; die Bedingtheit, der er das Absolute,die Einzigkeit, das Schöpferische wieder in die Seele prägen wollte; die Wirrnis und Irrnis, der er die Erhöhung und die Einfachheit gegenüberstellte ... Er spürte aber, wie in seiner Zeit, in der er groß geworden war, und die von entgegengesetzfesten Tendenzen durchwirbelt wurde, bei allen Völkern als Weltanschauung und als Tat sich die Lehre durchsetzte vom Wert des Einzelnen, vom Wert der lebenstüchtigen Gesamtheit; spürte wie rings aus den Verwirrtheiten der Vergangenheit sich die kleinen und großen Völker ihre politische Einheit aufbauten, weil ihre Zeit gekommen war und sie reif waren; und so schuf er, der ganz