Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (31.5.1913)
- Date
- 1913-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Der Jüdische Student Wir haben den Mechanismus jüdischen Denkens ur 'jüdischen Empfindungslebens zerlegt und zerfasert bis in dL: kleinsten Teile, aber uns fehlt die Kraft, ihn wieder zusammenzufassen zur Einheit, damit er aufs neue sein Spiel beginne. Und wie ich mich auch bemühe, all die vielen Erscheinungen des Lebens dort auf ihren jüdischen Gehalt zu untersuchen (in Palästina ist mir der Oedanke nie gekommen), ich wüßte nicht, was ich als Spezifikuni ansprechen könnte. Religiös ist man dort nicht; ja, es macht sich unter den Jüngern und Jungen eine gesunde Abneigung dagegen breit; der neue Geist muß in der Freiheit des Landlebens notwendigerweise die Formen, die der Städtersinn des Ghettojuden erdacht, sprengen, das niederreißen, was ihm nicht in sein Leben hineinpaßt. Mag dabei bisweilen über das Ziel hinausgeschossen werden, Raum wird geschaffen für die Formen, in die der neue Geist sich kleiden will.. Auch die Tänze, die dort viel geübt werden,, sind keine jüdische Erfindung. Aber trotz alledem, wer den Zauber eines Freitagabends in einer Kolonie auf sich hat wirken lassen, wird jenes Gefühl des Zuhauseseins nie vergessen. — Zu dreien und vieren sieht man die Bewohner, alte und junge, die sfernenerheüte Dorfstraße plaudernd auf- und abwandeln, während die Kinder sich irgendwo um den Lehrer sammeln und ihre bald fröhlichen, bald getragenen Lieder durch die Nacht erschallen lassen. Ruhe und Friede, diese Worte, die der Jude nur aus seinen Bittgebeten kennt, haben hier ihren Einzug gehalten und über all dem Leben und Treiben breitet sich der Zauber der Selbstverständlichkeit.- In dieser Harmonie mit der Sonde des Verstandes nach Jüdischem zu suchen, wäre mir gerade so unsinnig erschienen, wie in dem Reiz des deutschen Dorffriedens das Deutsche herausfinden zu wollen. Was nutzen uns alle" jüdischen Destillate, die wir hineintragen mit der Kraft der Vernunft, was alles theoretische Zerlegen der Psyche! Ich will es nicht verwerfen, denn den Weg muH es uns zeigen, wohin wir zu gehen haben, aber nie darf es Endziel werden, nie Selbstzweck; denn es kann uns nicht die Einheit geben, jene fröhliche Selbstverständlichkeit. Den Willen brauchen wir, den starken, der die Tat gebiert, uns hin- ■überzuretten in jenes Land, in dem die starken Wurzeln unserer Kraft liegen. Ich glaube, wie mir ist es auch allen andern gegangen, die das Land durchwandert haben die Quere und Breite, die herabgeschaut von den Bergen auf die blühenden Oasen, die jüdischer Fleiß aus der Wüste hervorgezaubert, all denen ist Palästina als Id-ee unverständlich geworden. Und wenn wir beim Scheiden dem Lande ein „Lehitraoth", Auf Wiedersehen, zugerufen haben, so war es sicherlich keine Höflichkeitsfloskel. —