Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (31.5.1913)
- Date
- 1913-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student was sich als Beiwerk an unser Schauen knüpft, und nicht lange wird/s dauern, dann wird es wieder ein Traum werden, aber doch so ganz anders als der erste; ein Traum, der etwas Neues in unser Leben hineinzutragen vermag, nämlich den Willen, Traum und Leben zu verknüpfen für immer durch die Tat. Vor einem Jahre war es, als man im V. J. St Berlin ausging, das Judentum zu suchen, von dem man sich eicht vorstellen konnte, wie es aussah, von dem man nur wußte, daß es uns fehlte. Unter all den vielen Irrwegen, die man zu gehen versuchte, gab es nur einen richtigen, und der ging nach Palästina, nach jenem Lande, wo der alte Stamm wieder junge lebenskräftige Reiser zu treiben beginnt. Daß aus der geplanten Missionsfahrt einiger weniger eine große Wanderfahrt geworden ist, das danken \\% der Schwungkraft unseres lieben A. Ii. Theodor Z loci st i. Wir waren eine große Gruppe; vielleicht m groß, als daß der einzelne Zeit gefunden hätte, mit sich allein zu sein und den Tönen der eigenen Seele zu lauschen, die sie widerklang unter der Fülle der Eindrücke. Aber dafür waren wir so froh, so frei von jeder Sentimentalität, so losgelöst von aler Schwere der Probleme, so fern von allem Theoretisieren, daß es schien, als ob das Land, wie einst die Tempel der alten Griechengötter, alles was auf unserer Seele lastete, auf Nimmerwiedersehen verschlungen hätte. Wir waren doch ausgezogen, das jüdische zu suchen. Wenn ich jetzt an meinem Auge all die Bilder vorüberziehen lasse: Tel-Awiw mit seinem stolzen Herzl-Gymnastum, der ausgelassene Tanz der Lehrer und Schüler am Abend, die herrlichen Plantagen und Weingärten Rischons mit ihren wohlhabenden Besitzern, das sonnenumflossene Katra mit seinen allen Bauern, die einzigartigen Landschaften des Tiberiassees und die frohen, starken Arbeiter von Kinereth, Daganiah und Migdal, die fröhlichen Kinderreigen in Rösch-Pimah, all die gesunden Gesichter der Knaben und Mädchen mit ihren blitzenden Augen und ihrem lustigen hebräischen Geplauder, jener kleine Bub, der mit so viel Selbstbewußtsein sein „Jelntdi katan ani" hinausschmetterte, was soll ich davon als „jüdisch44' bezeichnen? Daß sie hebräisch sprachen, gewiß, das taten die andern nicht; aber jenseits der Sprache lag in ihren Mienen und ihren Worten und dem was sie schufen etwas, was mir fremd und doch so wohlvertraut vorkam, etwas, was nur gedeihen kann in Gottes freier Natur, im hellen Lichte der Sonne, befruchtet von dem starken Geruch der Erde: ein Sichhineinfühleu in die Umgebung, etwas, was ich mit Selbstverständlichkeit bezeichnen möchte. Es wird viel in Palästina geredet, mehr vielleicht als gut ist debattiert und theoretisiert über alle möglichen Probleme, aber über die große Basis, die zu erwerben uns so schwer fällt, braucht man nicht zu streiten, — —