Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (28.4.1913)
- Date
- 1913-04-28
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Der Jüdische Student leicht erst später einsehen können, wenn Ihr beurteilen könnt, wie sehr das Bekenntnis zur Nation Euer geistiges Leben vertieft und bereichert, Euer Mannestum gestärkt, Eure Gesinnung geadelt hat. Es ist ja ein sattsam bekanntes Grundgesetz der Biologie, daß die Natur eine Entwicklung des ganz auf sich selbst gestellten Individuums nicht duldet und nur die Entwicklung innerhalb gewisser Typen fördert; so ist auch für das menschliche Denken und Empfinden die Einordnung in gewisse nationale Gruppen unerläßliche Kategorie: nur auf dem Wege über das Volkstum können die Kräfte des Einzelnen dem Fortschritt dienstbar gemacht werden. Bastarde zwischen den Rassen, zwischen den Nationen erkennt die Natur nicht an. Und so kann auch Euer persönliches Leben der Anlehnung an die Euch bestimmte Nation nicht entraten.. Das Fundament in dem Bau der Seele, den aufzuführen Zweck Eures Lebens ist, muß jüdisch sein; angelehnt an Euer jüdisches Volkstum mögt Ihr dann Eure Kräfte spielen lassen, wohin es Euch lockt. Doch die Wurzeln Eurer Kraft sind hier; nur mit dem Rückhalt am Judentum kann Euer Geist seine unverkümmerfe Eigenart entfalten, Euer Charakter eine gerade und gesunde Entwicklung nehmen. Gerade für den, der einer zerstreuten und unterdrückten Minderheit angehört, wie wir Juden, ist das geistige Leben so vielen beirrenden und verwirrenden Einflüssen, der Charakter so vielen demoralisierenden Wirkungen ausgesetzt, daß nur ein offenes und entschlossenes Bekenntnis zur Nation und ehrliche Vertiefung des nationalen Empfindens helfen kann. Ich hoffe, daß Ihr mich recht versteht; insbesondere ist wohl kaum nötig,, darauf hinzuweisen, daß ich unter Individualismus nicht ein separatistisches Sichausleben und nicht einen selbstgerechten Quietismus in beschaulicher'Indifferenz verstehe. Lind wenn ein Mulus, der sich unverstanden dünkt, seine Unfähigkeit mit „Persönlichkeit'' zu entschuldigen sucht, soll man ihm über den Mund fahren und ihn in harte Zucht nehmen. Und ebenso verhaßt wie dem Amans fafi im vorletzten J. St-.ist mir das „saftlose Äesthetentum egoistischer Individualisten". Aber nicht Individualisten will ich, sondern Individualitäten. Die braucht der B. J. C: nicht Leute müssen wir haben, sondern — Menschen. Finks Ausführungen fordern eine Entgegnung. Gegen seine Auffassung vom Ehrenwort muß eingewendet werden, daß sie keinesfalls den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben kann. Er wird kaum einen Genossen finden, der mit ihm das Ehrenwort nur einem Menschen gibt, mit dem ihn Beziehungen zartester und vertraulichster Art verknüpfen. (ist denn da überhaupt noch ein Ehrenwort nötig?), der es für „einen