Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1913)
- Date
- 1913-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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440 frieden geben, denen das Kainszeichen der reservatio mentalis an der Stirn stünde? Die Beibehaltung des Formengerankes des Freitagabends, die jetzt wieder sehr im Schwange ist, erscheint mir in hohem Maße unsittlich: wer von uns sich heute noch untersteht, Kiddusch zu machen, spricht jeden Freitag Abend in feierlichstem Tone die deutlichste Unwahrheit aus. Denn wer von uns glaubt noch an die Sechstageschöpfung? Und so könnte ich Beispiel auf Beispiel häufen, ja ich mache auch vor der Menorah nicht Halt. Wer von uns heute die acht Lichter anzündet und dabei . die üblichen Segenssprüche sagt, auch der lügt und erzieht seine Kinder und ein ganzes Volk zur Unehrlichkeit, und ist um nichts besser, als der Jude und auch der nicht gläubige Christ, der zu seinem Weihnachtsbaum die unendlich kindlichen, tiefste Sehnsucht aufrührenden Weihnachtsüeder singt. Aber wenn er sie anzündet, ohne dabei Worte zu sprechen, die nicht seines Glaubens sind, so mag das gelten und als ein Versuch hingenommen werden, religiöse Formen in nationale umzubiegen; obwohl ja gerade die überlieferten Worte und Gesänge für das Kindergemüt das Bedeutsamste waren. Ich persönlich glaube nicht, daß eine Umwandlung religiöser Formen in nationale in sehr vielen Fällen möglich und vor allem nicht, daß sie haltbar sein wird; wenn ich auch zugebe, und gar nicht anders kann, daß viele unserer Zeremonialgesetze, die aiten und neueren, auch nur religiös eingekleidete „Zäune" zur Sicherung der nationalen Eigenart waren. Aber dem Glaubensstand jener Zeiten angemessen involvierten sie nicht im geringsten ein Auseinanderfallen von Leben und Denken. Für uns aber wäre das . meiste nur Lippenwerk oder hätte nur Art und Wert der Volkstracht; wir aber wollen, können und dürfen nicht für-zukünftige theologische Realencyklopädien oder für Museen leben. Wir müssen einen energischen Schnitt machen zwischen Religionsleben und Nationalleben und unser Volk mit Bewußtsein „aus dem Turm" herausführen. Und nicht einen Augenblick dürfen wir durch Festhaltung traditioneller Formen der stumpfen Menge den Anschein erwecken, als träten auch wir für überwundene Religionsmaximen ein. Dabei urteile ich nicht etwa so aus eitel Lust am Widerspruch und am Zerstören etwa im Sinne eines ecrasez Pinfame, vielmehr schließe ich auch eine religiöse Erneuerung in das Bereich meiner Wünsche ein. Mir will scheinen — und damit kehre ich zum Ausgangspunkt unserer Auseinandersetzung zurück —, daß die Erziehungsarbeit der Religion im Judentum deswegen vielleicht so ausreichend geleistet wurde, weil die jüdische Religion durch Beschränkung auf den Nationalverband au Intensität gewonnen hatte, was ihr an Extensität abging. Daß dabei der Gewinn mehr auf Seiten des jüdischen Volkes, als der großen,- sich au s