Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1913)
- Date
- 1913-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student Kompromiß mit der Wahrhaftigkeit ergeben müßte. Denn es muß ganz offen herausgesagt werden, daß diese Formen ihrem Wesen nach eben religiöse Formen und in ihrer sprachlichen und zeremoniösen Einkleidung ganz fest umrissene religiöse Bekenntnisse sind. Es kann nicht scharf genug gegen die Neoromantik Front gemacht werden, die durch den hinreißenden Taumel des Stimmungszaubers über den Kern des Sachverhaltes hinwegtäuscht und. in gutgemeintem nationalen Egoismus die Religion zur Magd des Nationalismus werden läßt. Wollen wir wirklich im Völkerkonzert ein Pendant, zu den Polen abgeben, die die katholische Religion als Sturmbock im Kampf gegen das Deutschtum benutzen, oder wollen wir uns auf das Niveau derjenigen konservativen Kreise herabwürdigen, die aus Politikkirchlich sind? Nichts müßte uns verhaßter sein, und doch führt die heute gerade in zionistischen Kreisen vielfach angepriesene Methode auf den Weg der Unwahrheit. Einige Beispiele mögen das beleuchten. Nie war der Jesuitismus in der zionistischen Partei größer, als da wir den Kampf gegen das badische Gebetbuch mitmachten, und wäre die Orthodoxie heute durchgehends -so ehrlich, als sie es in ihren Glanzzeiten zur Zeit des Prachtmenschen Samson Raphael Hirsch wohl sein konnte, sie hätte unsere Mitarbeit damals wie überall weit von sich weisen müssen. (So aber holen wir ihr nach wie vor die Kastanien aus dem Feuer.) Denn uns war es nicht um die Erhaltung der überlieferten Gebetstexte wegen der in ihnen eingekapselten unverrückbaren dogmatischen Anschauungen zu tun, sondern um Zions willen. Aber das Wesen des von uns gewünschten und den Gebeten zu belassenden resp. zu imputierenden Zion kann von dem des alten Siddur nicht weltenferner geschieden sein, als das „geistige Zion" des Reformjudentums. Oder wer von uns modernen Juden könnte, von aller anderen Dogmatik abgesehen, um ein Zion beten, in dem von neuem der Tempel stehen soll, wo täglich die alten Tieropfer dem alten Gott dargebracht werden sollen? Wir sind um keinen Deut besser als der verschrieene jüdische „Liberalismus",nurdaß die Wege nach verschiedenenSeiten auslaufen. Die jüdische Religion, ihr Zeremonialismus und ihre Lehrfassung, hier das eine, dort das andere mehr, sollen die Brücke abgeben hier hinein in das jüdische Volkstum, dort ins deutsche. Ja, wer von uns kann noch jene alten, so unendlich schönen Gebete, trotz ihrer unendlichen Schöne, mit gutem Gewissen beten? Nur der dürfte es, der auf dem Boden der Ölfenbarung steht; denn diese ist unweigerlich das Fundament, auf dem sie ruhen, und wohl nur die so viel und leicht.geschmähte „Reform41 hat das bisher klar herausgestellt. Oder sollten wir uns etwa mit einer Religion oder auch nur ihrem Zeremonialismus zu-