Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1913-03-31 · Heft 12 (31.3.1913) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 12 (31.3.1913)
Date
1913-03-31
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3537599-3537600-3537612--2763-3540863
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

43S Der Jüdische Student durchschneiden, wenn wir von einem für uns nicht mehr im Mittelpunkt stehenden Teilgebiete nationaler Art, oder auch nur seinen Formen unser Hei! erwarteten. Die Anschauung vom Gottesvolk hat wohl in verflossenen Jahrhunderten uns geistige Ueberlegenheit über die andersgeartete Umgebung geben können, wollten wir sie aber heutzutage in die nationale Rüstkammer mit hinübernehmen, sie müßte unbedingt eine naive Volksentwickelung erdrosseln. Es muß frisches Blut in Israels Seele, selbst auf die Gefähr hin, daß Israels Volkskörper bei diesem psychischen Auffüllungsprozeß Einbuße an Menschen erleidet. Darum, aus höchster Rücksicht für mein Volk, trete ich für die Aufhebung aller nationalen Absperrungsmaßregeln und für jede mit der nationalen Delikatesse irgendwie vereinbare Anpassung an die Lebensgewohnheiten der Völker, unter die wir zerstreut sind, ein, trotzdem ich die Gefahr der Taufe nicht verkenne, und mir das Problem der Mischehe sehr wohl gegenwärtig ist. Ich will hier im Vorbeigehen andeuten, wie ich glaube, daß bei einer unentwegten Nationalisierung des Judentums diejenigen Taufen bald aufhören werden, zu denen heute noch ernste Männer kommen können, die, ohne durch Nützlichkeitserwägungen in ihren Entschlüssen beeinflußt zu sein, in die bequemere Einheit des Wirtsvolkes aufgehen, um dort die Seelenharmonie zu suchen, die sie bei unserer wirklich desperaten Lage im Judentum zu finden nicht mehr fähig sind. Auch die Frage der Mischehe muß bei einer streng nationalen, das heißt für mich: weitesten, energischsten Auffassung des Judentums dann ein ganz anderes Aussehen gewinnen. Aus gleicher Auffassung ergibt sich nun auch meine Stellungnahme gegenüber der eventuellen Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes neben dem Sabbatgottesdienste, wobei ich die ^Frage ganz außer acht lasse, wie weit ein Bedürfnis dafür vorliegt oder erst vorliegen wird. Was nützt denn die starre Festhaltung des Sabbats als alleinigen großen Gebetstages, wenn nur die wenigsten an ihm seine synagogalen Erfordernisse erfüllen können? Es ist im Gegenteil nur kurzsichtige Selbstgerechtigkeit und Fahrlässigkeit, wenn man sich der wirtschaftlichen Entwickelung entgegenstellt, und unterdessen das, vom Nationalen ja durchaus nicht ausgeschlossene, religiöse Fühlen des Volkes verkümmert. Man würde dem immerhin sehr bunt schattierten jüdischen Liberalismus doch sehr Unrecht tun, wenn man bestritte, daß in ihm auch religiöses Sehnen .ans Licht drängt; und nur für ihn käme natürlich mein Vorschlag in Betracht. Vorausetzung aber müßte sein, daß nebenher eine mächtige Durchflutung der Massen mit nationalem Gehalt, nationalem Bewußtsein stattfände. Die kann aber nie und nimmer durch Beibehaltung oder Ummodelung der alten Reiigionsformen erreicht werden, ja ich sage ganz fest: sie darf es nicht, weil sie ein unmännliches

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.