Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1913-03-31 · Heft 12 (31.3.1913) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 12 (31.3.1913)
Date
1913-03-31
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3537599-3537600-3537612--2762-3540862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Judische Student Paulus und das Christentum die Wendung nach der Seite der kosmopolitischen Weltreligion hin gegeben haben. Nunmehr scheint der weltverbrüdernde Gedanke seine erzieherische Aufgabe im wesentlichen erfüllt zu haben, und es is.t an seine Stelle, aus Renaissance und Reformation erwachsen, der Individualismus getreten, der des Einzelnen und der größeren Gemeinschaftsgruppen. Es liegt mir allerdings, fern, zu behaupten, daß die Arbeit der Religionen schon erledigt, die Epoche gesamtvveltlicher Ideen schon vollendet sei, aber das will ich mit aller Entschiedenheit herausstellen, daß wir jetzt gerade im Hinblick auf die letzten Menschheitsideale zu einer anderen Kräfteökonomie gekommen sind. Nicht darin erblicken wir das Heil, daß sich der Einzelmensch unmittelbar an die Idee der Menschheit hingebe, sondern darin, daß er bewußt sein Tun und seine Pflichten auf den engeren Kreis beziehe, in den er hineingeboren, dem er durch Bande des Blutes verbunden ist. Die Nationalitäten, deren, allerdings imponderabiles, Wesen in dem unterscheidenden „Volksgeist" ausgeprägt ist, stellen für uns auf der Stufenleiter der Individualitätsfolgen diejenigen Bildungen resp. Gegebenheiten dar, die den Einzelnen mittelbar an die reine Idee des iWenschen anknüpfen, indem sie sein Streben dahin lenken, durch Entwicklung und Entfaltung aller in ihm und seiner Nation angelegten Eigenschaften und besonders der spezifischen seelischen Grundtriebe seiner Nation den idealen Menschentypus erreichen zu lassen. Auf diesem Wege müssen sich naturnotwendig die verschiedenen Nationen in die Hände arbeiten durch gegenseitige Anpassung und einen gewissen Austausch der spezifischen seelischen Funktionen. Das Wesen des jüdischen Nationalismus kann demnach nichts anderes sein, als durch die Beschränkung auf den leichter faßbaren Kreis der jüdischen Nation aus den Juden Edelmenschen heraufzuzüchten, neue Menschen, die sämtliche seelischen Anlagen und Postulate, sämtliche und nicht die geringste und peripherischste ausgenommen, zu ungehemmtester Entwickelung bringen. Dann, irn Lauf der Zeit, wird es sich ausweisen," welches denn eigentlich das Spezifikum des jüdischen Volkes ist. Wir sind ja nicht mehr oder noch keineswegs berechtigt, etwa die Religion oder den Kapitalismus, oder gar die nRechenhaftigkeitu als. unsere besondere Eigenart anzusprechen, denn wir sind doch 'erst seit kurzem dabei, normale Bedingungen zu suchen,, wo wir in Freiheit uns entwickeln können, und unser Tun und Denken nicht . mehr in Handelsbetrieb und Religionssuprematie eingepfercht ist. Wir sind dabei, den Weg vom Ghettovolk zum modernen Volk zu gehen, und wirwürden über Augenblicksenqlge hinweg dem wahren nationalen Auftrieb die Sehnen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.