Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1913)
- Date
- 1913-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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434 Der Jüdische Student einigen „Wohlan, laßt das Sinnen und Sorgen" angestimmt und von allen freudig aufgenommen wird, gibt das den Bundesbrüdern vielmehr Schwung, als die programmäßig verlaufenen „schönen" Abende jemals geben können. Dieses Ungekünstelte und darum Beste, was wir unseren jungen Bundesbrüdern an Stimmung vermitteln können, habe ich im V.J. St. bisher fast ausschließlich beim Turnen, auf Ausflügen und Touren, beim Rüdern und auf ähnlichen Veranstaltungen gefunden. Lest einmal die Szene in dem Roman von Schalom Asch „Die Jüngsten", wie der Künstler Kowalski, der sich noch etwas Urwüchsigkeit bewahrt hat, bei einem Spaziergang mit Gefährten an einen Strom kommt und sofort rudert und schwimmt, während seine Genossen am Ufer ebenso eifrig wie erfolglos über Sozialismus und Zionismus debattieren: Kowalski taucht blaugefroren aus dem Wasser auf und ruft seinen Gefährten zu : „Ach, ihr Juden, Juden! liegen da am Ufer und diskutieren ins Blaue hinein. Wären das Arier, sie hätten schon zehnmal im Wasser .herumgepanscht oder wären in die Boote gesprungen. Und diese da liegen an dem goldenen Ufer eines solchen Stroms und debattieren über Prinzipien." Ich hoffe, hinreichend verstanden zu werden, um nicht Vor-. würfe zu hören, daß ich gegen die Vorschläge von Bbr. Hirschbruch aufgetreten sei. Ich glaube nur, daß der Erfolg, den er herbeiführen will, ausbleiben wird, solange die Grundlagen fehlen, und ich wollte hier auf eine Möglichkeit hinweisen, wie meiner Ansicht nach diese Grundlagen geschaffen werden können. Sollten Bundesbrüder Bedenken haben, daß wir damit einer gewissen" Verrohung entgegengehen, so läßt sich gegen diese Meinung einwenden, daß eine Verrohung bei der Art unseres Menschenmaterials an sich ziemlich ausgeschlossen ist, und daß sie durch die geistige Erziehung im V.J. St., die ihre Stellung natürlich mindestens beibehalten muß, verhindert wird. Um Mißverständnissen vorzubeugen, "möchte ich zum Schlüsse zusammenfassen: ich wende mich nur gegen die über spannten, nicht gegen die aufs Höchste angespannten Anforderungen im B. J. C.; wenn ich gesagt habe, daß Bundesbrüder, die bereits eine gewisse Selbstverständlichkeit besitzen, zu Unrecht als oberflächlich hingestellt werden, so wird man von diesen Bundesbrüdern wohl die zu -trennen wissen, die sich nur einen solchen Anschein geben und ihre angebliche Selbstverständlichkeit und ruhige Sicherheit als faule Ausrede für ihre Untätigkeit vorbringen; wenn wir ferner eine frischere und behaglichere Stimmung in den B.J. C. bringen wollen, so wollen wir doch verhindern, daß ein sattes Behagen die Oberhand gewinnt, wie es mir und vielen andern Bundesbrüdern aus.den Worten eines A. H. auf dem K. T. herauszuklingen schien; denn dann könnten wir jetzt gleich mit unserer Arbeit aufhören und einpacken.