Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1913)
- Date
- 1913-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537600-3537612--2757-3540857- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die Verblendung den tatsächlichen Verhältnissen gegenüber, mit der infolge der Ueberschätzung der Aufnahmefähigkeit nicht nur viel verlangt wird — das könnte nicht schaden — sondern die Anforderungen ins Ungemessene überspannt werden; ferner die daraus resultierende Unsicherheit, mit der Neues geschaffen wird, bevor das Alte feststeht; und zv^eitens ist es die Unterschätzung des Willens der jüngeren Generationen, die zu der Schwarzseherei von Bbr. Hirschbruch führt. Es soU nicht bestritten werden, daß noch viel zu bessern ist, und sicher hapert es am meisten mit der gefühlsmäßigen Erfassung dessen, was wir wollen. Bbr. Hirschbruch hat .Mittel zur Besserung angeführt, gegen die sich nichts sagen läßt. Sie haben sogar den Vorzug, daß sie sich durchführen lassen, und in einigen V.J.St.-en sind sie bereits teilweise angewendet worden. Aber einen Rechenfehler macht Hirschbruch doch : ein Jargonliederabend, ein jungjüdischer Abend und ähnliche Veranstaltungen wirken nur, wenn sie nicht zu häufig stattfinden. Sie üben außerdem eine Wirkung nur auf kurze Zeit aus und werden die Stimmung eines Semesters nicht schaffen können; wohl aber werden sie, wenn die gute Gesammtstimmung im Verein vorhanden ist, diese Stimmung in einem Sinne beeinflussen, wie es Hirschbruch fordert. Auch auf dem K. T. war man sich allgemein darüber klar, daß wir das jüdische Milieu, von dem so viel geträumt wird, nicht schaffen können. Man hat sich wohl großenteils auf den Standpunkt gestellt, den A. H. Fabian im J. St. mit kurzen Worten angedeutet hat. Aber andrerseits braucht man auch nicht daran zu verzweifeln, daß wir eine gute und starke Stimmung, vermitteln können, deren Einfluß auf den Einzelnen wie auf die Gesamtheit und damit auf unsere jüdische Arbeit in jedem Sinne nicht unterschätzt werden darf. Und nun kommen wir zu der Kernfrage der ganzen Sache, bei der Hirschbruch zuerst hätte einsetzen sollen: wie schaffen wir die Grundstimmung im V.J. St., die erst den Resonanzboden für Hirschbruchs Mittel gibt und selbst gar nicht spezifisch jüdisch zu sein braucht? Und da meine ich nach meinen Erfahrungen im V.J. St.: die Grundstimmung eines Vereins wird nur geschaffen bei einem flotten Vereinsbetrieb, strammer Disziplin und vor allen Dingen bei fleißiger Uebung von Turnen, Sport, regelmäßigen Ausflügen, . regelmäßigem, offiziellem Schwimmen usw., überhaupt von allem, was im weitesten Sinne mit physischer Regeneration zu tun hat. (Ich spreche hier nur von der Stimmung, so daß ich alle Veranstaltungen, die das Erlernen positiver Kenntnisse bezwecken, hier^ußer Acht lasse ) Es ist der Mehrzahl von uns noch nicht voll zum Bewußtsein gekommen, in welchemMaße diese Dinge die Stimmung des Einzelnen und derGesamtheit ergreifen und beeinflussen; und für die Bundesbrüder,