Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 11 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Der Jüdische Student Gesinnung eines sehr großen Teiles der Juden, die aus der Provinz dahin kommen. Dieselben Leute, die während ihres Aufenthalts in der Provinzstadt von intensivstem Interesse für alle jüdischen Dinge erfüllt waren, die sich keinen Sabbat und Festtag ohne den Besuch des Gottesdienstes denken konnten, in ihrem eigenen Leben und bei der Erziehung ihrer Kinder dem Judentum den weitesten Platz einräumten, in der Tätigkeit für die jüdische Gemeinde eine Ehre und Freude sahen, diese selben Menschen verlieren nur zu oft allen Zusammenhang mit dem Judentum, wenn sie ihr Domizil in der Großstadt aufschlagen. Sie werfen gar bald alle jüdischen Einrichtungen und Gebräuche wie einen unnützen Krempel, der ihnen nur im Wege ist, aus ihrem Hause hinaus, verlieren sich in tausenderlei gemeinnützigen, sozialen, ethischen und beruflichen, nur nicht jüdischen Interessen, freuen sich, wenn man ihnen von nichtjüdischer Seite das vermeintliche Kompliment macht, sie seien in ihrem Aussehen und Verhalten eigentlich gar nicht jüdisch,, und setzen eine Ehre darin, wenn ihre Kinder des Umganges mit nichtjüdischen Altersgenossen gewürdigt werden. Und dem gegenüber verkümmert nun auch in den kleinen Provinzgemeinden das jüdische Leben, einfach aus Mangel an Menschen und an Mitteln. Nur unter Aufbringung der schwersten Opfer ist man hier imstande, den religiösen Bedürfnissen der Juden, die noch an der Tradition, am überlieferten Gottesdienst und den durch die Jahrhunderte geheiligten Bräuchen hängen, und einer genügenden jüdischen Erziehung der Jugend Rechnung zu tragen. Und so vollzieht sich durch den Abstrom der Juden nach den großen Städten auch in den kleinen Gemeinden die gleiche Entwicklung, der innere Zerfall des deutschen Judentums. Ich könnte mir vorstellen, daß aus meinen Ausführungen einer oder der andere den Eindruck gewonnen hat, ich bedaure die bürgerliche Emanzipation der preußischen Juden oder, um mich eines Wortes zu bedienen, das ich in den Tagen der Zentenarfeier in einem Festartikel gelesen habe, ich sei der Anschauung, „das Judentum könne nur in der schlechten Luft des Ghettos gedeihen". Nun, ich gestehe offen, ich habe diese Auffassung nicht. Ich weiß, daß die Emanzipation der Juden eine historische Notwendigkeit war. Historische Notwendigkeiten aber stehen jenseits von Freude und Bedauern. Ich-weiß mich von jener Auffassung aber auch noch aus einem anderen Grunde frei; darum nämlich, weil ich überzeugt bin, daß die schlimmen Folgen, die unter dem Einflüsse der Emanzipation im preußischen Judentum zu Tage getreten sind, nicht hätten einzutreten brauchen. Es hat an den Juden selbst gelegen, daß die Entwicklung den Weg nahm, den wir zu beleuchten versuchten. Wärendie Juden in der Zeit nach ihrer Emanzipation statt von dem unsinnigen Wunsche, sich in allem und jedem