Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 11 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537600-3537611--2712-3540811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Ausländerfrage an den deutschen Universitäten Von Dr. Salli Hirsch (V.J. St. Berlin A. H.), Berlin Fast taglich erhalten wir jetzt von dieser oder jener Universität, die Kunde,'daß die Studentenschaft, insbesondere die Klinikerschaft, sich zusammenschließt, um von der Regierung Maßnahmen gegen die hier studierenden Ausländer zu verlangen. Die Forderungen sind fast überall die gleichen: als Voraussetzung für die Zulassung zum Studium verlangt man ein dem deutschen Abiturientenzeugnis entsprechendes Reifezeugnis, ein Führungsattest der Heimatsbehörde, besondere Ausländergebühren oder Erhöhung der Kolleggelder; als Voraussetzung für die Zulassung zum Praktizieren die Ablegung einer Prüfung in der deutschen Sprache, die Ablegung des Physikums oder eines gleichartigen. Fakultätsexamens. Damit noch nicht genug, fordert man ferner, daß die Ausländer erst geraume Zeit nach den deutschen Studenten Plätze belegen dürfen oder daß die ersten Reihen für die deutschen Studenten reserviert bleiben, und schließlich verlangt man eine prozentuale Beschränkung der an jeder Universität zuzulassenden Ausländer. Wir V.J. St.-er können an dieser Bewegung nicht teilnahmslos vorübergehen. Für uns, denen es zur Selbstverständlichkeit geworden ist, alle Tagesfragen sub specie judaica zu betrachten, kann in dieser Angelegenheit nicht ausschlaggebend sein, ob wirklich die Ausländer den deutschen Studenten bei der Besetzung der besten Plätze in den Hörsälen zuvorkommen oder ob wirklich zuweilen ein Ausländer durch sein mangelhaftes Deutsch die Geduld der deutschen Kommilitonen auf eine etwas harte Probe stellt. Für uns muß bei der Stellungnahme leitend sein, daß die sogenannte Ausländerfrage in hervorragendem Maße eine Judenfrage ist. 80—90 Prozent dieser Ausländer* gegen die jetzt an fast allen deutschen Universitäten beschränkende Maßnahmen gefordert werden, sind Juden, sind russische Juden, denen das Studium in ihrem Geburtslande durch die Prozentnorm: unmöglich gemacht und damit der einzige Weg zum sozialen Aufstieg verschlossen ist. Man macht sich im allgemeinen keinen richtigen Begriff davon, wie fein die russische Prozentnorm ausgeklügelt ist: an den großen Universitäten Petersburg und