Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 11 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537600-3537611--2711-3540810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Jüdische Student 3S7 Krise trat ein, die jemals unser Volkstum durchgemacht hat, und die noch ni:ht beendet ist. Von weiten Kreisen unseres Volkes wurde der Volkszukunftsglaube über Bord geworfen und gar aus den Tempeln gewiesen, wo ihm ehedem eine Stätte bereitet ^var. Es ergab sich aber ferner, daß jener Glaube in den vergangenen schweren Zeiten des Golus den jüdischen Volkskörper so stark und lebendig erhalten hat, daß er es vollbrachte, den "Willen zur Volkstat in dieser kritischen Zeit aus sich heraus zu schaffen und damit einer unbedingten, nationalen Notwendigkeit zu genügen. Die Schaffung des Tatwillens ist das Verdienst unserer Tage. Damit hat der Nationalitätsgedanke die natürliche -Schwungkraft erhalten, die der passive Glaube an die Erneuerung .allein nicht erzeugen konnte. Und es ist ihm gelungen, den Organismus des jüdischen Volkes über den toten Punkt zu bringen. Nunmehr ist der Glaube an die nationale Wiederherstellung unverhüllt in das Licht der Gegenwart getreten. Er kann jetzt der religiösen Verkapselung entraten, um standhaft zu bleiben; denn die lebendige Tat beflügelt ihn. Und in dieser reinen Gestalt ist er wiederum die sicherste Grundlage für •einen zielfreudigen Zukunftswillen der Nation. Beide vereint — -der Glaube an die Wiedergeburt unseres Volkes und der Tatwille zur Volkserneuerung bilden den einzig möglichen, durch das Golus bedingten Inhalt des jüdischen Nationalismus der Gegenwart. In ihrer Vereinigung sind - sie eine Zukunftsbürgschaft und schaffen sie die Kräfte, welche die Bahn freimachen für die Entwicklung eines lebendigen Judentums und so die .Renaissance unseres Volkes vorbereiten.* Schon jetzt ist ein ungeahnter Reichtum von nationalen Kräften am Werke. Volksquellen fließen wieder, die man längst versiegt wähnte." Doch sind das alles erst Anfänge. Aber das Ziel ist in unsern Horizont gerückt. Wir Gegenwärtigen haben •die Gewißheit, daß das machtvolle Ringen alier wirkenden Volkskräfte ein stammesstolzes, von der volkszerstörenden Assimilation nicht angekränkeltes, innerlich freies judengeschlecht heraufführen wird. Uns' ist in diesem Ringen die beglückende Aufgabe geworden, Schrittmacher zu sein.