Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 11 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 3S5 in den zersprengten Volksteilen durch die letzten zwei Jahrtausende nicht lebendig geblieben, so hätte das geschichtliche Dasein unseres Volkes längst seinen Abschluß gefunden. Es ist einleuchtend, daß das konkrete Ziel des Nationalismus durch die Goluslage des Volkes wesentlich beeinflußt werden mußte. Hier handelt es sich nicht um die Gefährdung eines nationalen Gutes, die eine Konzentration der Kräfte erheischte, sondern um einen Zustand, der die Gefährdung der Nation in ihrem Bestände bedeutet. Die im Wesen des Golus liegende permanente Bestandgefährdung hat die normale Struktur des Volkskörpers zerstört und ihn unfähig gemacht, die in ihm uhenden Anlagen und Energien zu entfalten. Diese Situation mußte dem Volkskörper, wenn er sich ':icht zur Entsagung und Verzweiflung verurteilte, die nationale Richtung weisen, mußte dem Nationalismus den Zeitinhalt geben. Die jüdische Geschichte weiß nichts von Volksentsagung und Verzweiflung. Der überall vielmehr sich kundgebende Optimismus im ganzen Verlaufe des Goluslebens deutet darauf hin, daß ein Zukunftsgedanke im Volke lebendig war. Und lediglich dieser Gedanke würde den konkreten Golusinhalt des jüdischen Nationalismus ausmachen und das durch die Jahriu. tende Merkzeichen sein für die Existenz der jüdis^. .a individualität. Man pflegt zuweilen in nationalen Kreis'en den Golusinhalt des Nationaljudentums als den Willen zur Erhaltung des jüdischen Volkes auf der Grundlage des Volksgemeinschaftsbewußtseins festzustellen. Nichts ist falscher. Es liegt in diesem Satze eine Verkennung des Nationalismus als eines Zielstrebens und eine Verwechslung von Ziel , und Gegenwartsaufgabe. Als Ziel aufgefaßt, würde ein solcher Wille weiter nichts bedeuten als die Verewigung des Golus. Die. ganze Golusgeschichte ist ein einziger -Protest gegen solchen Gedanken. Als Ziel aufgefaßt hat dieser Wille keinerlei Verbindung mit der Volksseele. In dem Maße, wie diese ihn abwehrt, befreunden sich jene Kreise unseres Volkes mit ihm, die sich Seelisch vom jüdischen Volkskörper losgerissen haben. Nationalismus ist zu erkennen nicht in dem Bestand, in der Erhaltung der Nation, sondern in ihrer Entwicklung' zu einer lebensvolleren Zukunft. Wenn das - * jüdische Volk das Leben im Golus bejaht hat, insofern es sich