Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 11 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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334 Der Jüdische Student Aus diesem Zeitinhalt erwachsen die nationalen Gegenwartsaufgaben, deren Fülle unendlich ist. Und in Zeiten der Ruhe ist es fast unmöglich, solche nationale Aufgaben abzugrenzen. Denn es gehört alles dazu, was zum Schutze, zur Wohlfahrt und Größe des Volkes geschieht. Bestimmter und enger wird der Komplex der nationalen Gegenwartsaufgaben in Zeiten der Gefährdung nationaler Güter. Die Gefährdung verlangt eine Konzentration der nationalen Kräfte auf den angegriffenen Punkt. Und die Arbeiten zur Beseitigung der Störungen und zur Befestigung der Positionen sind in solchen Zeiten als nationale Aufgaben besonders herausgehoben. Das ist das Bild des Nationalismus im normalen Völkerleben. Und das jüdische Volk macht hiervon keine Ausnahme, solange es territorial zusammengeschlossen leben durfte. Man begegnet häufig der Ansicht, daß das jüdische Volk mit der Zerstörung seines Staatswesens in Palästina aufgehört habe, als Volk zu existieren. Um diese Ansicht zu widerlegen, genügt es keineswegs, darauf hinzuweisen, daß überall Fragmente dieses Volkes verstreut leben. Es genügt auch nicht der Hinweis, daß. die wiederholt auseinandergerissenen und umhergeworfenen Volksteiie sich befähigt gezeigt haben, als Fragmente sich zusammenzuschließen und ein Sonderleben zu führen. Und selbst die Tatsache, daß ein gemeinsames religiöses Band die durch ein unbarmherziges Geschichtswalten zersprengten Volksstücke umschlungen hielt, würde keinen Beweis für jüdisches Nationalleben abgeben. Wäre nichts weiter vorhanden, so wäre im Golus von der stolzen Nation eben nur eine jüdische Religionsgemeinschaft übrig geblieben. Um den Fortbestand des jüdischen Volkes durch die Jahrhunderte der Diaspora festzustellen, muß gezeigt werden, daß die räumlich getrennten Teile trotzalledem eine Volkseinheit gebildet haben, daß die nationale Individualität unzerstört geblieben ist. Die nationale Individualität muß erkennbar sein aus ihren geschichtlichen Ausstrahlungen. Und es muß sich darin in reiner Gestalt, wenn auch durch die Volkslage bedingter Form die Volksindividualitätstendenz — der Nationalismus offenbaren. Denn der Nationalismus ist der Lebensbeweis des Volkes. Sein Schwinden bedeutet nationalen Tod. Und wäre die Volkszukunftstendenz — nichts anderes ist ja der Nationalismus —