Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 11 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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376 Amor fati Von cand. med. Siegfried Rosenbaum (V. J. St.), Königsberg Als vor hundert Jahren durch die von Frankreich ausgehende politische Emanzipation das jüdische Mittelalter endete, bedeutete dies für die deutsche Judenheit eine Umwälzung, wie sie größer nicht denkbar ist. Vordem eine von ihrer Umgebung völlig abgeschlossene Gemeinschaft, lediglich durch das innere Bewußtsein ihres höheren Wertes sich erhaltend, eine Weltanschauung und eine Welt für sich, stand den deutschen Juden jetzt die gesamte Kultur der Umwelt in ihrem derzeitigen Kurswert, von den Ideen -der Aufklärung erfüllt, offen. Plötzlich in diese neue Welt hineingezogen, verlor der Jude das ihn bisher sichernde Gefühl des höheren Wertes seines Judentums, und die so lange von ihm mißachtete Geisteswelt seiner Umgebung wurde sein Ideal. Zwei Menschenalter hindurch kämpfte er um die äußere Legalfsierung seiner Mitarbeit an der deutschen Kultur. Und als er sein Ziel erreicht hatte, war sein Judentum in ihm erschüttert. Kaum aber hat der Deutsche sein politisches Ideal, zu dessen Erkämpfung er die AAitarbeit der Juden angerufen hatte — ein einziges, mächtiges Vaterland — erreicht, da wird auch schon der, Mitstreiter von gestern zum Eindringling von heute, wird gelästert und beschimpft. Der Radauantisemitismus der achtziger Jahre bricht los. Viele Juden, ihres Judentums innerlich längst verlustig, sind bereit, ihre ihnen ebenso lästige wie wertlose „Konfession" zu opfern. Beschimpfung des Judentums auf der einen, Lossagung vom Judentum auf der anderen Seite. Die Taufe wird Mode. Vor dreißig Jahren war es in Berlin eine beliebte Frage unter den Medizinern, ob man sich vor oder nach dem Physikum taufen lassen solle. Der Antisemitismus macht dem Asemitismus Platz. „Verkehrt nicht mit Juden — der Jude existiert für uns nicht" wird die Parole. Und sie trifft uns härter, trifft unser Ehrgefühl, je allgemeiner man ihr folgt. Noch immer grassiert die Taufe. Aber, weil der Täufling schließlich von jedem anständigen Juden und Christen doch immer nur als ein halber Mensch gewertet wird, und weil allmählich in immer weitere Kreise die Erkenntnis von der Zwecklosigkeit der christlichen Neuttikettierung