Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 7 (23.10.1912)
- Date
- 1912-10-23
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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?42 Der Jüdische Student soll für den Politiker geschrieben sein, damit er die aufgespeicherten Energien erkenne, für das Ganze nutzbar mache, von einem Politiker, der nicht an der aktiven, agitatorischen Tagespolitik beteiligt sein, aber sie in ihren Fäden und Verschlingungen genau kennen muß, der seine Verbindungen überall hat, sei es persönlich oder durch die Korrespondenten, die ihm die Nachrichten zutragen. Sie soll zweitens für den Historiker geschrieben sein, damit er in späteren Zeiten abwägend erkenne, wo das ernste Bemühen des Tages lag, von einem Historiker, der den Willen zum Judentum hat, aber aus der Geschichte gelernt hat, nicht jeden Anspruch für eine Erfüllung zu nehmen, nicht jeden scheinbaren Fortschritt als eine Revolution ausposaunen zu lassen, nicht im Wandel der Erscheinungen Uebersrcht und Bewußtsein und Ziele zu verlieren; und diese Tatsachenchronik soll drittens für die Menschen unserer Tage geschrieben sein, damit sie sich selbst erkennen, ihr Flüchtiges, ihr Dauerndes, ihr Stehenbleiben und ihr Schreiten, von einem Menschen unserer Tage, der sensibel ist und reagiert bis in die kleinsten Verästelungen seiner Nerven, der starkmütig ist, weil er gläubig ist, der die raffiniertesten Finessen des Journalismus, die Psychologie der öffentlichen Meinung versteht und zu beherrschen und zu lenken weiß und der auf seinem exponierten Posten die Macht hat, aber auch das Verantwortungsgefühl vor sich und vor seinem Volke, der sich als Exponenten der Zeit und ihren wahlverwandten Deuter spürt, der aber auch das Streben hat, ihr Mittler im Goetheschen Sinne zu sein und ihr Wegweiser zu werden. — Die Gefahr, die sich hier ergibt,* ist die einer allzu großen Subjektivität, eine Gefahr für das objektiv zu leitende, tendenzlose Archiv, soweit - nicht eine Tendenz schon in der Wahl eines solchen Titels •-- und in der Aufstellung und Ausführung eines solchen Programms liegt. Aber diese Gefahr, die aus der Angst vor sich i selbst und dem eigenen Mut in Vorbesprechungen geäußert wurde, ist nicht so groß und kann teilweise paralysiert werden durch die theoretische Formulierung, daß es darauf ankommt, die Schlagwörte in sich einzufangen, sie umzuprägen, sie dann der Zeit geläutert oder gereinigt zur Verfügung zu stellen oder aufzuzwingen oder aber als wertlose, entlarvte ihren alten Besitzern zurückzugeben; Züge zu erkennen von Ewigkeitswert, Worte zu prägen für Verschwommenes, das von anderen Empfundene wiederzugeben in zwei Formen, sowohl der komplizierten, die den widerstrebenden Richtungen und Tatsachen des zu besprechenden Gegenstandes gerecht wird, als auch in der pointierenden, die die Probleme auf die Spitze treibt, mit der Distanz, die mindestens so viel Pathos haben kann wie jede unmittelbare, eigentlich schon prädestinierte AeuSerung sub-