Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Judische Student 215 und ich glaube, manchem begabten jungem V. J. St.-er wird es ein Ansporn sein, wenn wieder gute Burschenarbeiten im J. St. veröffentlicht werden. Es versteht sich von selbst, daß diese Bemerkungen kein Mißtrauensvotum für die Redaktion sein sollen; es sind nur Anregungen, die ich mir zu machen erlaube, weil nach meiner Meinung der J. St., bei der Arbeit und den Mitteln, die er in Anspruch nimmt, uns noch mehr geben kann, als er augenblicklich tut. Wir dürfen uns Kartellberichte anderer. Korporationen in keiner Weise zum Muster nehmen. Ich hoffe, das bei uns nun ..herrschende zentralistische Prinzip wird von keinem dahin mißverstanden werden, daß unsere innere Geschlossenheit und Gemeinsamkeit im Wollen und Umeinander-Wissen aufhöre. Vitam impendere vero! Auch der J. St. kommt ohne Aufrichtigkeit schließlich auf den Hund! ec. Die vorstehenden Bemerkungen sind mir, speziell was die Vereinsberichte betrifft, aus der Seele gesprochen, und ich hatte ohnedies die Absicht, in diesem Heft zum neuen Semester ein paar deutliche Worte darüber zu sagen. Was ich an Berichten erhalte, sind überwiegend stümperhafte Leistungen erster Klasse. Es ist Tatsache, daß ich die Berichte zum großen. Teil erst auf Orthographie korrigieren muß. Die Grammatik entspricht Quartaner-Aufsätzen, und ich habe mich oft gefragt, wie mancher Verfasser das Abiturium hat bestehen können. G i n s b u r g hat absolut damit recht, daß die Berichte unehrlich sind und sich in konventioneller Schönfärberei ergehen. Zur selben Zeit, Wo beim Präsidium Briefe, Protokolle und Telegramme über den neuesten, epochemachenden Stunk haufenweise eingehen, erscheint im J. St. ein Bericht, daß einem die Augen vor Rührung übergehen. Der Erfolg: wenn heute im J. St. von dem „freundschaftlichen Zusammenschluß der Bundesbrüder1', -wie er noch nie so dagewesen ist, den „urgemütlichen Kneipen", den . „prächtigen Ausflügen" z. B. „in die leider so wenig bekannte und gewürdigte herrliche Umgebung Berlins" mit bildschönen Damen, den „hervorragenden Fuxenstunden", kurz und gut dem wohlgelungenen Semester erzählt wird, so glaubt das kein. Mensch mehr. Wenn ich nicht Redakteur wäre, würde ich längst keinen Vereinsbericht mehr lesen. Wir haben es doch wirklich nicht nötig, uns ^gegenseitig solche Sachen vorzumachen. Es gilt ja gerade als ein Vorzug der Bundesbrüderlichkeit, daß man zu einander aufrichtig sein darf. Wir kennen uns doch und kennen unsere Vereine, also warum. sprechen wir nicht aus, wie es in Wirklichkeit