Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Der Jüdische Student zu machen. Vor zwanzig und mehr Jahren war es Sitte, Hellas und Juda einander zu kontrastieren, als die Mächte der Aesthetik und der Moral. Aber seitdem hat sich unsere Kenntnis des Altertums wesentlich erweitert, und wir können wirklich auf das törichte Gerede pfeifen, daß Israel oder Juda der Welt die Sittlichkeit erfunden habe. Was man so nannte, und was infolge seiner Enge den Schein unverwechselbarer Besonderheit annahm, ist nichts als eine Provinz im Reiche der hellenischen Kultur. Denn die Helligkeit griechischen Geistes ist nun einmal bestimmend geworden für alle fruchtbare Entwicklung dieser abendländischen Welt, von der wir ein Teil sind. Aber auch die tiefere Begründung der weltgeschichtlichen Eigenart des Judentums, die Martin Buber in seiner dritten Rede versucht hat, darf uns nicht verlocken. Von ihr mögen wir ein letztes Ziel,, keine Gegenwartsaufgabe empfangen. Denn eben die Unbedingtheit, die er fordert, können wir auf den krausen und verschnörkelten Pfaden unseres jetzigen Daseins nimmermehr erreichen. Es ist schon ein wenig bedenklich, wenn Buber etwa Spinoza und Marx als Höhepunkte des Judentums hinstellt; es ließe sich wohl zeigen, wie stark gerade diese Erscheinungen, bedeutend an sich, unser Volkstum beirrt haben. Denn es ist nun einmal so, daß die geistigen Werte ihre ganze Fruchtbarkeit erst entfalten, ja vielleicht zu ihrer ganzen Größe erst erwachsen können, wo sie auf einem äußerlich gesicherten Dasein beruhen. Die Halbheit unseres Volkstums beruht zum Teile darauf, daß wir uns nur gewissen Seiten der Wirtschaft und des Geistes ergeben haben; die Nation verlangt nach äußerer Zusammenfassung. Diese allein stellt uns vor geistige Aufgaben höchster Aktivität. Aber, hören wir, es ist gerade eine besondere Eigenart des .Judentums, für jede politische Zusammenfassung ungeeignet zu sein. Man beruft sich auf Mommsens Wort, daß die Natur dem Semiten die Pandoragabe des Staates versagt habe. Wir hoffen, das war einmal, und mögen an so unverrückbare Rasseneigenschaften nicht glauben. Noch sind die Gesetze der nationalen Anpassung nicht ergründet, aber in diesen hundert Jahren haben doch einzelne Juden zeigen können, daßsie organisatorischen Aufgaben hohen Stils gewachsen waren. Diese Zeit wird uns nicht verloren sein. Wir. sind uns bewußt, daß der deutsche Jude nicht nur rassenpsychologisch, daß er auch geschichtlich bedingt ist. Wir glauben in unserer deutschen Entwicklung gelernt zu haben, daß auch unser schönstes Träumen kein Genüge findet, bis es der tatkräftigen Erfüllung sicher ist VII . Der Zionismus gewahrt so dem deutschen Juden eine neue und fruchtbare Erkenntnis von dem Verhältnis des einzelnen zur jüdischen Gemeinschaft, er bindet sein Gefühl an diese Gemein-