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Der jüdische Student · 1912-09-20 · Heft 6 (20.9.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 6 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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Der Jüdische Student 207 Folgenschwer zeigte sich wiederum der Mangel an Stetigkeit in der inneren Entwicklung des Judentums. Auch für die deutsche Kultur hatte es einen Moment gegeben, in der das geistige Leben in einer Fülle von Talenten unterzugehen schien, die Epoche von 1800. Aber in Wahrheit waren jene Tage für ' Deutschland nur die Vorbereitung zur nationalen Wiedergeburt, in deren Verlauf der alte Hang zur Kontemplation, der das Vclk der Dichter und Denker geboren hatte, sich fast in sein Gegenteil verkehrte. Deutschland hat damit wieder den Anschluß an die Bewegung gefunden, die Italien, England, Frankreich so befruchtet hatte, die italienische Renaissance. Damals war der moderne Staat geschaffen worden, seit damals galt es wieder als ein höchstes Ziel, das den Menschen gesetzt ist, die Welt im staatlichen Dasein zu gestalten, ihr nicht nur passiv hingegeben zu sein. Die Epoche der Renaissance fehlt im Judentum, sie hat zum mindesten wenig sichtbare Spuren hinterlassen. Eine Epoche läßt sich aber nicht einfach überspringen, indem man an ihre Resultate anknüpft; sie will wieder erlebt sein. Eine bloße Betonung der nationalen Idee kann das nicht leisten. Denn, so sicher sie die Grundlage aller zionistischen Bestrebungen bleiben muß, sie selbst kommt doch auch wieder dem Hange des modernen Juden entgegen, sich in zweckloser Träumerei zu ergehen. Sie füllt sein Inneres mit vagen, ungestalteten Gefühlen, großen Gefühlen sicherlich, die aber mehr einem künstlerischen Rausche gleichen. Sie erwecken wohl ein Gefühl von Größe und Schönheit, doch Gefühle von Größe und Schöntieit brauchen nicht immer zu Taten zu führen. Auch der Zigeuner hat seine Poesie, — aber es ist für den tätigen Menschen kein ermutigendes Bewußtsein, einem Stamme geistigen Zigeunertums anzugehören. Der politische Zionismus schuf, nein, er war die Ueberzeugung, daß der Zustand des deutschen Judentums anormal sei, daß die innere Zerissenheit der jüdischen Seele erst schwinden könne, wenn für ein geschlossenes, heimatsicheres, sich selbst lebendes Judentum der Weg geebnet sei. So. stellt er eine Forderung, eine Aufgabe, und weckte die vis activa, den handelnden Menschen. Das ist sein tiefster Sinn für den deutschen Juden. Nicht um eine Leistung handelt es sich hier, die etwa der Eigenart der Juden besonders entspräche; eine allgemein menschliche Forderung wird gestellt, der nur die Eigentümlichkeit unseres Schicksals bisher die Erfüllung versagte. Darum nichts hier von Weltanschauung und geschichtlicher Vertiefung! Es ist etwas Simples und Einfaches, ganz philisterhaft: wir wollen es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Das muß besonders betont werden, weil die bisherigen Versuche, die Aufgabe des Juden aus seiner Eigenart abzuleiten, nur zu geeignet sind, uns unserer wirklichen Autgabe abwendig

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