Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Der Judische Student VI Aber bedurfte es dazu des Zionismus? Genügte da nicht eine Betonung der nationalen Kräfte, wie sie Achad Haam, Dubnow, Mathias Acher predigen? Ja, hatte das deutsche Judentum nicht eine Weltanschauung, oder doch wenigstens das Surrogat einer solchen, in jener ästhetischen Lebensriebtüng, die, im Anschluß an große deutsche Männer, der Schönheit in Leben und Kunst sich willig hingab? Es ist in der Tat kein Zweifel, in der Wurzellosigkeit, auf der der Aesthetizismus der deutschen Juden sich aufbaut, stecken auch kulturfördernde Werte, und Theodor Momrnsen wußte sehr genau, warum er die Juden als ein Element der Dekomposition der Stämme und darum gerade als -ein Ferment der deutschen Einheit willkommen hieß. Das letzte Jahrhundert war, besonders in seiner zweiten Hälfte, eine Epoche der Stillosigkeit. Die Architektur, von jeher ein guter Gradmesser für die kulturelle Kraft einer Zeit, bietet das klarste Beispiel, Aber auf allen Gebieten haben wir ein starkes Anwachsen von bloßen Talenten, die im wesentlichen eklektisch schaffen. Die deutsche Malerei verzichtete fast* auf ihre letzten Ziele, um erst eine neue Art zu finden, die Natur zu fassen und zu gestalten. Die deutsche Musik sucht neue Ausdrucksformen. In der deutschen Literatur tyeitet sich neben wenigen wurzelhaft schaffenden Naturen immer mehr eine allgemeine Kultiviertheit aus. Sie schafft nicht nur den deutschen Essay, der freilich in Hermann Grimm, Gildemeister, Hillebrandt gleich eine gewisse Vollendung fand, sie setzt auch der rein wissenschaftlichen Produktion künstlerisch-literarische Ziele. In einer solchen Zeit des Uebergangs ist der rezeptive, feinnervige Aesthetizismus, der den gebildeten Juden charakterisierte, seine Organe in freier Beweglichkeit den neuen Erscheinungen öffnete, überaus wertvoll, ja ein notwendiges Produkt. Er ist nichts anderes, als das Suchen nach einem neuen Stil- So ist dieser Aesthetizismus denn auch nicht dem Juden allein eigen, aber seine Folgen sind für ihn verhängnisvoller. Wer in seinem Volkstum.innerlich verankert ist, den wird diese Lebensrichtung verfeinern und vertiefen. Ein Mann — etwa — wie Wilamowitz hat durch sie sachlich eine reichere, bewegtere wissenschaftliche Weltanschauung, künstlerisch einen eigenen Charme gewonnen, ohne an der Unbeirrbarkeit seiner Seele Schaden zu nehmen. Anders der Jude, — ihn machte sie schlaff . und haltlos, weil es ihm an der letzten Sicherheit fehlte, die den Schwankungen einer unbegrenzten Aufnahmefähigkeit einen Widerstand entgegengesetzt hätte. Gewiß mag seine Bedeutung als Faktor innerhalb der modernen Kultur anerkannt werden, aber der Mensch, ist nicht nur ein Mittel, und der Eigenwert des üdischen Charakters mußte Schaden nehmen.