Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1912-09-20 · Heft 6 (20.9.1912) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 6 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537600-3537606--2513-3540607
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Judische Student 205 und rufen: Sehet das ist unser Werk; der Ruhm der Anciennität lockt uns nur wenig. Wir sind froh in dem Bewußtsein, daß die lange verschüttete Quelle, aus der wir Wasser lebendigen Lebens schöpfen, auch andere neu erquickt, — die Quelle der tief begründeten Weltanschauung und des Enthusiasmus. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Der Nationalismus wird, obwohl er in seiner heutigen Gestalt so vielfach aus religiösen Quellen gespeist wird, nicht Religion sein wollen oder können. Er wird aber in unsern Zeiten der inneren Erregung der Sammelpunkt für alle diese Bestrebungen sein müssen. Denn weder Orthodoxie noch Libeialismus sind imstande, allein für sich das Leben des einzelnen zu gestalten. Die Orthodoxie, gebunden an eine Weisheit, die nicht die unsere ist, an Formen, die der künstlichen Einprägung und der gedanklichen Erklärung bedürfen, kann in Westeuropa sich zwar organisieren, sich wohl auch verinnerlichen, aber keine Lebensfülfe entfalten. Daß der nationale Gedanke an sich ihr frisches Blut zuführt, ist — von Einzelfällen abgesehen — äußerst fraglich, wohl aber weist er ihr ein Ziel, denn erst inmitten eines natürlichen Volkslebens könnten ihre Lehren den ganzen Menschen zu umfassen suchen, ihre Formen Ausdruck der daseinsfrohen Gesamtpersönlichkeit sein. Vollends der Liberalismus! Ich denke nicht daran, ihn etwa mit den gegenwärtigen K. C.-Idealen zu identifizieren. Die Masse der liberalen Juden mag sich von den Gesichtspunkten äußerer Politik und gedankenloser Bequemlichkeit leiten lassen, die — wenigen — religiösen Liberalen suchen ernsthaft nach einem Ausdruck für den inneren Menschen der Gegenwart. Indem sie aber ihre Forderungen an den nirgends existierenden Menschen an sich richten, entziehen sie sich selbst den Boden. Wenn überhaupt eine religiöse Wiedergeburt, fruchtbar und unverkrüppelt, entstehen soll, so wird sie die Erfüllung der nationalen Sehnsucht zur Grundlage haben. In seiner geistreichen Theorie der Tragödie weist Aristoteles darauf hin, daß die menschliche Seele durch den Ueberschuß an ziellosen Strebungen der Sympathie in Spannung versetzt sei und durch die Tragödie in Furcht und Mitleid entladen werde. Die Auffassung läßt sich, wie schon Groos inu seiner Lehre vom Spiel gesehen hat, erweitern. In uns ist heute eine Fülle von religiösen Spannungen, die des Zieles entbehren, — Friedrich Naumann spricht einmal in ähnlichem Zusammenhange von heimatlosen Gefühlen. Er vergleicht sie einem Weinstock, dessen Reben wie verlorenes Laub am Boden liegen, während die Wand, an der sie sich emporgerankt hatten, durch neues Gemäuer ersetzt wird. Unser richtungslosef Enthusiasmus, unsere Sehnsucht nach Hingabe, unser Persönlichkeitsdrang, — alles dieses Gewoge von Gefühlen findet eine neue Heimat im nationalen Judentum.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.