Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Der Jüdische Student Liberalismus muß freilich den Gedanken seiner Autarkie, den Wahn, daß er ein ganzes Menschenleben ausfüllen könne, aufgeben; seine wissenschaftlichen, ethischen, ästhetischen Forderungen können in der Seele des Nationaljuden denselben Widerklang wie in dem des Assimilierten finden. Wenn die Juden für die Besiedelung Palästina eintreten, oder für ein russisches Hifswerk, oder für den Bau eines Technikums, das mag in seinen Konsequenzen für die herrschende Religiosität verhängnisvoll sein, — wir wissen es nicht, — vorläufig berührt es sie gar nicht, weil ihre Schwingungen in ganz anderen Ebenen verlaufen. Aber eben weil das Nationaljudentum nach seinem Ziel, seiner Gefühlserregung, seinem Willen zur Form der religiösen Bewegung so nahe steht, mußte aus dem Gegensatz ein Kampfeseifer werden. Dieser Eifer ist vorläufig verständlich. Ist doch nicht-zu verkennen, daß die verwandten Strömungen und Gebilde hier ,auf ein Ziel hinwirken, das bis vor kurzem der Religion zu widersprechen schien. Wir berufen uns auf das Blut, also auf die-Natur, die Triebe, — und gerade die galten der Religion als so überaus fragwürdig; unsere Impulse gehen auf Organisation, auf öffentlich-rechtliche Sicherung, auf das Judentum als einen reinlichen Machtfaktor, — und gerade alles Machtstreben wurde bisher von der Religion am entschiedensten verdammt. Die Orthodoxie fürchtet, *öaß die traditionellen Werte verlieren, wenn der Enthusiasmus sich neue Ziele setzt; der Liberalismus verlangt nichts als ethische Vertiefung und beruft sich mit einigem Recht auf die Propheten, die zweifellos das staatliche Dasein zwar voraussetzen, aber keineswegs in ihm einen religiösen oder sittlichen Wert erblicken. Es ist "wahr: „alle Macht ist böse," und das Blut ist kein sittlicher Faktor. Dennoch: wir glauben jetzt schon zu sehen, daß in der nationalen Bewegung eine Glut erwacht ist, heißer, innerlicher, lebenspendender als in irgend einer andern Richtung des gegenwärtigen Judentums. Alle Macht ist böse, aber der Wille eines Volkes, sich durchzusetzen, hat von jeher die heiligsten und tiefsten Strebungen erzeugt; das Blut ist nicht sittlich, aber alle Sittlichkeit wandelt die sonderbarsten Irrwege, wenn sie sich den Banden des Blutes zu entziehen strebt. Unsere Seele kommt aus der Tiefe der Gegensätzlichkeiten nicht heraus, wagen wir es denn, diese Gegensätzlichkeit zu leben! Die Entwicklung, von der das nationale Judentum nur das erste und deutlichste Symptom war, ist nicht isoliert, in beiden .spezifisch religiösen Parteien -ist neues Leben erwacht. Die Orthodoxie erstrebt, wie seit langem nicht, eine einheitliche und in sich geschlossene Weltanschauung, der Liberalismus sucht sich an Ewigkeitsdenkern, wie Pläto, Kant, Goethe, neu zu orientieren . und zu vertiefen. Wir schlagen nicht stolz an unsere Brust