Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 203 weil eben dieses Oefüh! selber verblaßte — auch Sitzungen von Vertrauensmännern der Alliance konnten daran nichts ändern. Noch weniger half der Liberalismus, denn die Formen, die er anstelle der alten setzte, entsprangen nicht einem lebendigen,» starken Gefühle, sondern waren von vornherein künstliche Gebilde, für weite Kreise vielleicht nützlich, doch eben ein dürftiger Notbehelf, der ebensoviel Schaden wie Nutzen stiftete. Und nun erzeugte auch das Nationaljudentum, kraft seines Aufschwungs, sich wieder die Formen, deren es bedurfte. Anstelle der. verödeten Synagoge beginnt die Volksversammlung zu treten, wie einst aus der Volksversammlung die Synagoge sich gebildet hatte. Turn- und Studentenvereine sind keine bloßen Uebungsplätze der Muskeln und der Beredsamkeit, sie sind sich bewußt, einem großen Gefühle zu dienen. Und vor allem der Kongreß bedeutete wieder eine gewaltige Gefühlsgemeinschaft. Das sind alles keine Formen, die sich wirklich an Kraft mit den alten, religiösen schon vergleichen ließen, — wie könnte die Diaspora solche hervorbringen! Aber daß sie überhaupt da sind, und befruchtend, vertiefend, seelenweckend wirken, das ist uns ein Stück Beruhigung in der Halbheit dieses Jahrhunderts. Wenn dem nun so ist, wenn in unserm nationalen Streben sich Erscheinungen weisen, die dem religiösen Erlebnis zum mindesten verwandt sind, wie kommt es da, daß beide Parteien des religiösen Judentums, Orthodoxie und Liberalismus, sich abwehrend gegen uns verhalten, ja sogar ein entschiedene Kampfesstellung einnehmen? Schwerlich liegt es daran, daß die Religion ein weiteres Ziel hat, als das bloß Ueberindividuelle, daß sie im Ethischen, Kosmischen, Metaphysischen Stellung zu nehmen verlangt. Sie mußte doch empfinden, daß der Strom, der das Nationaljudentum trägt, im Grunde dem ihren verschwistert ist Aber das ist es eben: gerade die Verwandtschaft erzeugte die Kampfesstimmung. . Man kann, wir sehen es an tausend Beispielen, in seiner Forschungsarbeit'ein wissenschaftlicher Denker und doch in ~ seinen religiösen Bedürfnissen voller Voraussetzungen sein, man kann in seiner praktischen Tätigkeit dem Tage und in den religiösen Feierstunden dem Herrn die.nen, — denn es handelt sich hier vielfach um Linien, die sich gar nicht schneiden. Das Erwerbsleben, die Politik, die Forschung, die Religion spielen sich, oder können sich doch in so verschiedenen Provinzen der Seele abspielen, daß ein Konflikt gar nicht in Frage kommt. Die Orthodoxie ist freilich infolge der Ausbreitung des nationalen Ganzen nicht mehr d a s Mittel der Erhaltung, verliert also an Wert für das Volksganze; als Erfüllung der religiösen Bedürfnisse des Einzelnen behält sie ihre, alte Stelle... Der