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Der jüdische Student · 1912-09-20 · Heft 6 (20.9.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 6 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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202 Der Judische Student liegt die Gesundung des Judentums — das alles mag richtig sein, das neue nationale Judentum aber glaubt an sein Volkstum — nicht weil, sondern trotz — in einer religiösen Inbrunst, die nicht erst vom Verstände die Bestätigung erwartet. Der Kreis scheint geschlossen: was zum Inhalt der Religion gehörte, eine Orientierung im Ueberindividuellen, wird Inhalt des neuen Volksgefühls; die Form, in der man sich der Religion bemächtigt, der Glaube, ist auch die Form des nationalen Willens. Doch es fehlt noch eines, vielleicht das Wichtigste. Indem die Religion jenes eigentümliche Ineinander eines bestimmten Objektes und eines bestimmten Gefühles erforderte, hat sie sich besondere Gebilde geschaffen und umgestaltet, in denen beide Bedingungen erfüllt wurden: die religiösen Formen. Erst durch sie wird die Religion die Beherrscherin der Seelen. Wenn im freien, formlosen- Gebete die Seele ganz persönlich ihrem Gotte gegenübertrat, wenn überall da, wo ein überquellendes Gebetsbedürfnis die Menschen ergriff, die vereinheitlichende Kraft der "Religion gelockert wurde, — so fand sie in der religiösen Form wieder Macht übe.r die Gemeinde. Schon die Teilnahme vieler an einer gemeinsamer^ Aktion, die durch die feste Form ermöglicht wird, gewährt den Gefühlen des einzelnen eine ganz neue Intensi^t. Vor allem aber befriedigt die Form das ästhetische Bedürfnis des Menschen nach Ausdruck, nach Gebärde. Unser alter Ritus ist voll davon: der Sederabend oder die Ssuckohr Kol Nidre oder Freitagabend, überall öffnen die Sinne, Auge und Ohr, die Pforten, um den ~ religiösen Inhalt in sich aufzunehmen. Denn alles Bestimmte, um eines schönen Wortes Jakob Burckhardts zu gedenken, hat ein* Königs* recht gegenüber dem Dumpfen, Unsicheren und Anarchischen. In dem Wert, den das traditionelle Judentum auf die Form legte^ war es auch begründet, daß man die Bedeutung der Dogmen leugnen konnte, sie schienen wirklich zurückzutreten gegenüber einem Judentum der Tat, wie man es nannte. Diejenigen irren durchaus, die der Meinung sind, daß die Form an sich erkältend, starr, antireligiös wirke. Der Kirchenstil und die Madonnenmalerei beweisen, wie gerade die feste Form tiefste künstlerische und religiöse Werte hervorbringt. Aber die großen Formen konnten ihren religiösen Stimmungswert nur behalten, solange sie als selbstverständlich galten, solange die Seele in ihnen sich bejaht, bereichert fühlte. Es kam die Zeit, wo man mühselig zu suchen begann, was sie eigentlich bedeuteten, was für ein verborgener Sinn in ihnen enthalten sei. Hier lag der Keim des Verfalls, ja, er war schon gegeben, als nur das Bedürfnis nach einem solchen Sinne der Formen erwachte. So kam es, daß die Masse des deutschen Judentums keine Form für ihr gemeinsames Gefühl mehr hatte,.

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