Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1912-09-20 · Heft 6 (20.9.1912) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 6 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3537599-3537600-3537606--2509-3540603
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Judische Student 20 t Schon in der Religion der Naturvölker ringen Angst und Bewunderung miteinander, das rein religiöse Denken gipfelt in dem ungeheuerlichen credo quia absurdum, in zusammengeballter Erregung und friedevoller Beseligung verläuft dem Frommen unser Jomkippur. Aufruhr der Seele und gleichzeitiges Insichbeschlossensein, auf einen Punkt starrendes, zerwühlendes Denken und triumphierender Verzicht auf eben dieses. Denken, — welcher Religiöse hätte das noch nicht erlebt! Es scheint, daß gerade die Widersprüche nötig sind, um die gewaltige Spannung der Seele zu erzeugen, die der religiösen Erregung mehr als irgend einer andern eigen ist. Und wo der religiöse . Mensch zur Ruhe gekommen zu sein scheint, und schlechthin der Gottheit sich vertrauend hingibt, eben da haben wir den tiefsten Widerspruch, daß der Mensch gerade in dieser Hingabe, in der scheinbaren Auflösung und dem Zerfließen in ein Allgemeines, weit entfernt, sich zu verlieren, im Gegenteil seiner Persönlichkeit um so sicherer wird. Diese ewige Antinomie gehört zum Wesen der Religiosität, sie ist es, die in Sinn und Gegensinn den religiösen Enthusiasmus erzeugte. Aber gerade der Enthusiasmus war in demselben Maße, - in dem der religiöse Inhalt ins Schwanken geraten war, einer ganzen Generation allmählich verloren gegangen. Sie war glaubenslos geworden, und statt dessen „wissenschaftlich" gerichtet, vielfach gerade jener positivistischen Wissenschaftlichkeit ergeben, die, ihrem Namen zum Trotz, vielfach einen kleinlichen und negierenden Geist erzeugte. Den Enthusiasmus aber, in dem die selbstsüchtige und in tieferm Sinne selbstmordende Eigensucht, in dem alle sterile Intelligenz wegschmilzt wie der Schnee an der Frühlingssonne, diesen Enthusiasmus erweckte der Zionismus wieder. In Herzls Schriften und auf dem Kongreß, in Volksversammlungen und Studentenvereinen erklang ein lange entbehrter Ton, ein Ton, der der religiösen Stimmung verwandt war, ja, der nicht anders als durch den Begriff des Religiösen charakterisiert werden kann. Es gibt wohl einzelne unter uns, und es sind vielleicht nicht die schlechtesten, die die logische Erkenntnis zu Nationa'juden gemacht hat, andere, die den ganzen Jammer unseres Stammes gar nicht sehen, sondern naiv ihr Volkstum bejahen, aber beide Gruppen geben der geistigen Bewegung des Nationaljudentums nicht. ihr Gepräge. Das erhält sie von denen, die ingrimmig der Schwächen, der . Zerrissenheit, jader Gemeinheit gedenken, der der Jude verfallen ist, — und die mitten aus diesem Verfall ein Stück Ewigkeitsjudentum leuchtend hervorbrechen sehen. Denn wir glauben an unser Volkstum. Das ist etwas anderes, als wenn wir erkennend sagten: wir wünschen, daß das Volkstum erhalten bleibe.— es ist nötig, die russischen Juden in ihrem Daseinskampfe zu unterstützen — nur in der Rückkehr zum Ackerbau

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.