Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Der Judische Student die Zeit der Aufklärung Gott in so weite und erhabene Ferne rückte, daß er menschlichem Bewußtsein eigentlich unerreichbar wurde, — da traf die Juden, die langsam in diese Entwicklung hineingewachsen waren, auch von hier aus ihr Schicksal. Sie hatten ja seit Jahrhunderten kaum einen anderen Inhalt ihres jüdischen Denkens als den religiösen. Innerhalb der religiösen Begriffe hatten sie eine gewisse jüdische Selbständigkeit, wenn ^#uch nicht ohne starke Einflüsse von außen, immerhin zu bewahren gewußt; nun standen sie vor der Tatsache, daß es in dem Kampfe um die Religion, den sie geführt hatten, gar nicht mehr Partei zu nehmen galt, weil beiden Kämpfern der Boden entzogen war. Im Anschluß an Europa fand ihr Denken, auch soweit es religiös interessiert war, Inhalte genug, aber es war kein gemeinsamer jüdischer Inhalt mehr. Das Judentum begann zu zerflattern; der Jude, vom Geiste der Aufklärung ergriffen,, wird, es ist das schon gezeigt worden, zum Individualisten. Aber der Mensch der Gegenwart sehnt sich wieder mit allen Trieben aus der Vereinzelung heraus. Diese Sehnsucht hatte in unvordenklichen Zeiten neben Staat und Gesellschaft auch Religion erzeugt und fortentwickeln _ helfen, sie ist es, die den modernen Juden zum Nationaljuden macht. Schon Simmel hat ganz im allgemeinen auf die Analogie hingewiesen, die zwischen dem Verhalten des einzelnen zur sozialen Allgemeinheit und dem zur Gottheit besteht, da in beiden Beziehungen dasselbe Verhältnis von Unterworfenheit und Freiheit, von Losgelöstheit und Umfaßtsein herrscht In der Nation ist uns wieder, wie im religiösen Glaubenssatz, em überindividueller Inhalt gegeben. Auch sie weist uns aus dem Schwanken unserer Stimmungen, Meinungen, Handlungen auf ein Jenseits unserer Persönlichkeit, in dem wir uns bergen mögen, — auf Gemeinsamkeiten des Blutes und der Seele, die unserm klaren Willen entzogen, uns die Ruhe und Sicherheit verschaffen, die der religiöse Mensch besaß und die ein ewig waches Bewußtsein u-ns geraubt hat. Und wenn die andern Inhalte unseres Daseins allgemeines Menschengut sind, so erfüllt die Nation uns gegenüber auch wieder dieselbe Funktion, der einst die Religion mitdiente: sie führt wieder zu einer Einheit des Judentums zurück, stärker, als es etwa allgemeine Grundsätze von Solidarität und ZionsHebe vermocht hätten:. Doch die inhaltlichen Bestimmtheiten der Religion genügen bei weitem nicht, sie zu charakterisieren; es ist ein ganz bestimmtes. Verhalten der Seele, das wir religiös nennen. In der Ekstase der Mystik gewinnt esseinen überschäumendsten„ vollsten, in der Frömmigkeit einiger Psalmen seinen reinsten,, einfachsten Ausdruck. Es ist überaus schwer, diesem Gefühl gedanklich nahe zu kommen. Daß der religiöse Glaube kein einfaches Fürwahrhalten sei, lehrt die primitivste Betrachtung