Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 199 suchen. Dem einen fehlte vielleicht die Kraft und der Wille der Entsagung, andere hatten rationalistische Bedenken, mancher gab die alte Form auf, weil seinem Gefühlsleben diese Welt zu enge ward. Damit schwand aber auch ein positiver Wert. Man hat, nicht glmz mit Unrecht, oft gesagt, daß der Religion im Grunde die Erhaltung .des Judentums durch die Jahrhunderte * hindurch zu verdanken sei. Sie besaß für die Judenheit im Kampfe ums Dasein biologisch etwa die Bedeutung der Schale für die Muscheltiere. Es geht uns hier nichts an, ob die judische Religion innerhalb der Jahrtausende stets dieselbe geblieben ist. — dem aufmerksamen Leser der spärlichen mittelalterlichen jüdischen Profanliteratur kann nicht entgehen, daß «die Stimmung des gegenwärtigen traditionellen Judentums zwar lange vorbereitet * war, aber doch erst einige Jahrhunderte alt ist — wir haben es eben mit dieser Stimmung zu tun. Welche Werte enthält sie, und inwieweit kann und will der deutsche Zionismus den Verlust ausgleichen? Um die Frage zu beantworten, wird es nötig sein, sich über den religiösen Trieb überhaupt und seine Bedeutung für den Juden der Gegenwartklar zu werden. Es gibt in allen Religionen Zeiten, in denen "^das^Dogmatische, der Glaubenssatz, mit aller Entschiedenheit betont wird; Zeiten auch, in denen es in den Hintergrund tritt. Aber ganz konnte keine historische Religion bisher dieses Elementes entbehren. Es wird nicht immer, wie im Christentum der nachlutherischen Orthodoxie, als eigentlicher Brennpunkt der Religion empfunden, — aber indem die Religion neben "der Kunst, der Wissenschaft, der Gesellschaft, dem Staate einen besonderen Komplex geistigen Daseins behauptet, bedarf sie, wie diese, eines bestimmten Objektes. Sei dieses nun Gott, Sittlichkeit, selbst irgend ein historisches Geschehnis, immer werden die religiösen Gefühle an einem bestimmten Inhalt nicht sowohl haften, wie diesen Inhalt mit Notwendigkeit erzeugen. Wo wir deutlich und kenntlich von andern Lebensformen unterschieden, Religion wahrnehmen, weist sie irgendwie auf ein überin d i v i d u e 11 e s Dasein hin, auf ein Dasein, das eben der Erfahrung nicht "gegeben ist. Gnade und Erlösung, Weltschöpfung und Weltende, Freiheit und Notwendigkeit, — an solche Begriffe rankte sich das Denken des religiös empfindenden Menschen, um irgendwo und irgendwie in das Gottesbewußtsein zu münden. Erst durch diese Objektiviertheit, durch den Hinweis auf den einen, von irdischen Nebeln ungetrübten Stern gewinnt der Fromme jene beseligende Sicherheit, die ihm ein haltloses religiöses Gefühlsgewoge nimmermehr gewähren könnte. Als nun seit den Zeiten der Renaissance das Diesseits mit immer stärkerer Wucht und Größe den Menschen umfaßte, als