Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Der Jüdische Student es gilt ja überhaupt erst einen Schwerpunkt zu gewinnen. Nur die Lebensauffassung, die unsere fruchtbaren nationalen Instinkte betont und unterstreicht, anstatt sie zu zerstören, ermöglicht uns, auch am deutschen Schaffen produktiv teilzunehmen. Und so können wir das flache Wort, wir wollen in deutschen Fragen gut deutsch, in jüdischen Dingen gut jüdisch sein, bemahe umkehren in die beiden Imperative: laßt uns deutsche Werte recht tief aus jüdischer Seele in uns verankern, laßt uns jüdische Dinge recht weit in deutschem Sinne betrachten und ordnen. Die Ueberzeugung, daß eine unbeschränkte Geistigkeit uns führerlos hin und her treiben muß, während allein die determinierte Seele, und sei sie noch so befangen, Kulturwerte aufnehmen und schaffen kann, ist nur eine Erkenntnis, nur eine Interpretation des geistigen Daseins: Kultur, so sagen wir, ist keine Materie, die von Hand zu Hand7 gegeben wird, sie ist organisches Wachsen. Diese Erkenntnis muß dem kläglichen Treiben ein Ende machen, das die Besonderheit jüdischer Eigenart aus politischen Gründen oder aus Unverständnis bestritt Schon darum ist sie wertvoll, weil klare Einsicht in das wahre Verhältnis - der Dinge uns weiterführt als jede Selbsttäuschung. Sie wird wertvoller noch, weil sie uns wieder den Weg, den einzigen, zu schöpferischer Kraft weist. Wie die falsche, im Rationalismus * befangene Lehre dem deutschen Juden jede ■v kulturelle Wirksamkeit erschweren mußte, so wird die neue Interpretation ihm helfen, in bewußtem Schaffen zugleich sich und seiner Umwelt zu dienen. Der bewußte Stammesdeutsche, der die nationale Einheitlichkeit der deutschen Kultur fordert, wird auch von diesem Programm wenig entzückt sein; aber es ist die notwendige - Konsequenz aus den Tatsachen des geschichtlichen Lebens. So hilft diese Auffassung beiden Teilen: sie führt auch der deutscheu Kultur höhere Werte zu als „eine feige zurechtfrisierte Assimilation, und wir überwinden nur so die Todsünde des schrankenlosen individualismns. V Die bloße Erkenntnis seiner nationalen Gebundenheit zwingt - den deutschen Juden, sein Judentum, ob er sich nun seiner freut oder in ihm ein schmerzliches Erbe empfindet, als eine feste Tatsache hinzunehmen, die in sich ihre naturbestimmten schwerwiegenden Konsequenzen trägt. So gewährt sie ihm „ydie Sicherheit, die ihm ein verlogener Assimilationsgedanke geraubt hatte. Doch damit nicht genug. Seit 1800 kehrte sich ein großer Teil der deutschen Juden von dem religiösen Leben ab. Es ist hier nicht der Ort, den Grund dieser Erscheinung zu unter-