Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 195 weil er ganz Rasse, jüdische Rasse darstellt. Der Zusammenhang mit der Vergangenheit ist für so große Menschen # bestimmend; aber auch die Masse der deutschen Juden kann sich deutsche Kultur nur aus der Tiefe ihrer eigenen, durch Blut und Geschichte bedingten Seele in Wahrheit aneignen. Die Juden, die innerhalb der deutschen Kultur wirkten und wirken, verraten in all ihrem Schaffen jüdische Eigenart: jüdischer Stil und jüdische Geistesart, jüdische Lebensform wie jüdische Körperhaltung, sind für das vorurteilsfreie Auge unverkennbar. Solange man sich vernünftelnd vorlog, es gebe keinen wirklichen Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden, und so das jüdische Individuum wurzellos in seine Umwelt hineinstellte, bestritt man ihm, ohne es zu wissen, die Grundlage alles kulturellen Schaffens. Erst die Besinnung auf unser jüdisches Dasein macht es uns möglich, deutsche Kultur von innen heraus zu verarbeiten und - zu gestalten, wie ja eben diese Kultur nur von den Juden wahrhaft gefördert wurde, die, bewußt oder unbewußt, ein entschiedener Ausdruck jüdischen Blutes waren. So sind wir dem Deutschtum in uns schuldig, wieder Juden zu werden. Darum erfaßte man den Sinn unseres Lebens nicht, wenn man jenen Einwand von der Unvereinbarkeit des Deutschtums und des bewußten Judentums durch die Tatsache zurückweisen wollte, daß wir Zionisten ja gute deutsche Staatsbürger seien. Man ist verflucht wenig, wenn man ein guter Staatsbürger ist, und sonst nichts. Es mag einzelne deutsche Juden geben, die an die Bedeutung der deutschen Kultur für ihr eigenes Dasein nicht glauben, sie werden sich über einen Widerspruch zwischen Deutschtum und Judentum leichten Herzens hinwegsetzen. Die Tiefendes Problems beginnt erst für den, der sich bewußt in die deutsche Kultur hineinlebt, von ihrer Luft sich tragen läßt, um wiederum in ihr zu wirken. Denn diese Welt hat unsere Seele ergriffen, und wir deutschen Zionisten, die wir Bürger deutscher Kultur sind, können und wollen nicht darauf verzichten, an ihren- Werten mitzuarbeiten. Wir scheuen den Vorwurf nicht, daß wir so ein Doppelleben führen; die Vielfältigkeit des- Daseins ist mit einfachem ja ja, nein nein nicht aus der Welt zu schaffen. Wir wissen wohl, daß die Tragik unserer .Existenz darauf beruht, daß wir hineingestellt sind in eine blutfremde Welt; wir wären keine Zionisten, wenn wir das nicht wüßten. Aber erst der Glaube an die Kraft der jüdischen Seele erklärt, wie überhaupt ein Jude am deutschen Leben produktiv teilnehmen kann; diese Kraft wollen wir steigern, indem wir sie ins Bewußtsein erheben. Ich weiß, es gibt auch andere Propheten. Durchdrungen, erschüttert davon, wie weit die deutsch-europäische Welle uns aus der Tiefe eigensten Daseins herausgeschleudert hat, predigen sie Abkehr vom Deutschtum und weisen uns