Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1912-09-20 · Heft 6 (20.9.1912) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 6 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3537599-3537600-3537606--2502-3540596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

194 Der jüdische Student Dichtung bestimmen wollten, so zeigt sich auch hier, bei Hofmannsthal wie Schnitzler, bei Cale und bei Wassermann, ein besonderer Sinn für die reine ästhetische Form. Die nicht eigentlich schöpferisch begabten Individuen, die ihrem Leben einen geistigen Inhalt geben wollten, strömten in Scharen den reproduktiven Künsten zu — als Dirigenten, Musiker, Schauspieler, — und die Masse der deutschen Juden ging auf in einer lebhaften, passiven Anteilnahme an aller ästhetischen Produktion. Diesen Zustand nennen wir, ein wenig spöttisch, wir können wohl nicht anders, Assimilation. Er war die Folge eines Strebens, das aus der Entwurzelung stammte, und dem eine falsche Voraussetzung zugrundelag, die Lehre von der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen. Es ist für den westlichen Zionismus charakteristisch, wie B1 u m e n f e l d in einem seiner schönen Aufsätze in der „Jüdischen Rundschau" (1910,. No. 34) dargetan hat, daß er die umfaßte,, die sich durch ihn aus der Assimilation in das Judentum gerettet haben. An ihnen wirkte er das Wunder einer innern Neugeburt. IV Individualismus, Intellektualismus, Aesthetizismus, — es sind drei verwandte Formen der einen Erscheinung, der Wurzellosigkeit; si^zu überwinden ist die besondere erzieherische Aufgabe des deutschen Zionismus. Man wirft dem Zionismus immer wieder vor, er sei mit ernsthaftem Deutschtum nicht vereinbar. Der Einwand kann durch die unmittelbaren Zeitumstände erklärt werden, er ist zum Teil der Angst vor dem Antisemitismus entsprungen. Man hat oft gesagt, daß der Zionismus eine Frucht des Antisemitismus sei. Ein Körnchen Wahrheit ist auch in diesem Gedanken, aber mindestens ebenso wahr ist es, daß die Angst vor der feindlichen Bewegung Tausende von dem Zionismus zurückhält, daß sie somit auch gerade eine Verbreitung des Zionismus verhindert Im Grunde jedoch bot der Antisemitismus zu jenem Einwand nur den äußern Anlaß; er wäre unmöglich, wenn nicht in der Seele des Juden die individualistische Auffassung vom Wesen der Kultur so tief Wurzel geschlagen hätte. Die den Einwand erheben, leben der rationalistischen Vorstellung, als ob das jüdische Individuum, losgelöst von der Geschichte seines Blutes, im freien Räume der deutschen Kultur ungebunden schwebe, und imstande sei, sich deren Werte vorbehaltlos in ihrer gegebenen Form anzueignen. Sa glauben sie in genau demselben Sinne Deutsche zu sein, wie der Deutsche nichtjüdischen Stammes; sie wollen nicht sehen, daß der Rhythmus der jüdischen Seele eben ein besonderer ist. Richard Dehmel hat einmal gesagt, daß Max Liebermann nur darum für die deutsche Kultur so wichtig werden konnte»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.