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Der jüdische Student · 1912-09-20 · Heft 6 (20.9.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 6 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Der Jüdische Student 193 ward zum Skeptiker, der in unfruchtbarer Zergliederung die Welt und vor allem sein Ich betrachtet und dem Leben der geistigen Aktivität, dem schöpferischen Dasein fremd geworden ist. Aus dieser Zeit stammt die Klage, daß der Jude nur 'kritisch, nicht produktiv begabt sei- Ihm wird die spöttische Gebärde zur Gewohnheit, die sich mit derselben Neigung gegen sein eigenes Wesen, wie gegen das fremde richtet. Ohne rechten Glauben an sich, versagt er oft da, wo Herrscherqualitäten erfordert werden. Weil er sein Selbst verloren hat, wird sein äußeres Merkmal die gesellschaftliche Unsicherheit, besonders dann, wenn in seiner Gegenwart von jüdischen Dingen die ftede ist. Und wo er dieser Unsicherheit sich bewußt wird, da verfällt er, der die selbstverständliche Haltung der in sich ruhenden Persönlichkeit verloren hat, in die Grimasse der Schüchternheit, die Frechheit. Wurzellos, individualistisch, intellektuell gerichtet, ohne jene "tiefen Hemmungen der Tradition, der Familie, des Staatsbewußtseins, wird er in ungeahntem Maße rezeptiv und aufnahmefähig. Cr hat seelische Fühler entwickelt, die ihm in den neuesten Erscheinungen verraten, was Zukunft, und sei es nächste Zukunft, -enthält. Welches diese Erscheinungen waren, nacheinander Goethe, Romantik, junges Deutschland, Revolution,. Wagner, Kapitalismus, Ibsen, Freie Bühne, Sezession, — überall ist der Jude unter den ersten Pionieren der „modernen" Bewegung. Auch in diesem Sinne gilt R u p p i n s Wort, daß der Jude -gleichsam ein Barometer für die übrige Bevölkerung ist. Ihm iehlen die Hemmungen, die tiefere Naturen an die Vergangenheit binden, ihnen verbieten, sich dem Neuen bedingungslos ohne Vorurteil hinzugeben. Diese reine Rezeptivität, die allem Eigenwillen entsagt, führt xur formalen, zur ästhetischen Kultur. Alle aktiv gerichteten Juden ergaben sich dem Handel, der Industrie, — das rein geistige Dasein erschöpfte sich in der Kontemplation, im ästhetischen Genuß. Das gilt auch von der Masse der jüdischen .Mediziner und Juristen, die ihren Beruf ergriffen, weil er allein von allen akademischen Berufen ihnen offen stand, und deren eigentliche geistige Existenz, soweit sie eine solche besaßen, sich fernab von jenem Beruf, in irgendeiner ästhetischen Provinz ' der Seele abspielte. Ich suche mit Absicht ein Gesamtbild zu •geben und denke nicht daran, etwa Persönlichkeiten wie Max Liebermann oder Hermann Cohen völlig in diesen Rahmen hineinspannen zu wollen, — aber es ist doch wohl kein Zufall, wenn die schöpferischen JuderT besonders die ästhetisierende Skizze - und das Stimmungsbild in Vers und Prosa pflegten, vor allem .aber in jener Kunst etwas bedeuteten, die reine künstlerische Form darstellt, von sachlichem Inhalt am meisten losgelöst ist, -der Musik. Wenn wir den Anteil der Juden an der deutschen

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