Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Judische Student 191 jene Zeit, in der die produktiven Kräfte der deutschen Judenheit nachlassen, seit der sie nicht mehr imstande sind, die allgemeinen Menschheitsideen aus jüdischer Seele heraus zu verarbeiten und zu gestalten. Diese Zersetzung des Judentums fand etwa gleichzeitig von zwei Seiten aus statt Zuerst von innen. Schon seit Jahrhunderten hatte das triebhafte Volksbewußtsein im deutschen Judentum nachgelassen, alles spezifisch jüdische Denken und Fühlen sich immer mehr an die rein religiösen Ideen geklammert. Wenn vorher eine naive Aufnahme und Umformung der allgemeinen Kultur aus jüdischem Instinkt heraus das Natürliche gewesen war — und wir finden eine solche Entwickelung in der ganzen Geschichte der Diaspora — so wurde das mit der Lockerung des jüdischen Volkstums immer mehr unmöglich. Vielleicht hätte freilich ein Deutschland, das wesentlich philosophisch und wissenschaftlich gerichtet gewesen wäre, auch weiterhin die Juden anregen können, ohne sie in ihrer inneren Sicherheit zu schädigen. Ist es doch eine ganz allgemeine europäische Erscheinung, daß man bei rein geistigen Bewegungen von der nationalen Färbung absieht und nur ihre Ergebnisse, sie instinktiv umformend, übernimmt. So hatte es eine jüdische Mystik, eine jüdische Philosophie, eine jüdische Aufklärung geben können, die inhaltlich von dem arabischen, französischen, deutschen Denken beeinflußt, vom Judentum aus aber neu gestaltet waren. Nun begann jedoch in Deutschland eine künstlerisch gerichtete Epoche, — hier war Form und Inhalt kaum noch zu trennen. Ueberdies wurde sich das Zeitalter der Romantik immer stärker der eigenen deutschen Vergangenheit bewußt, die neue Theorie lehrte, daß alle Kultur auf der Tiefe unbewußten Volkstums beruhte, — und das Judentum konnte von dieser national und künstlerisch bestimmten Kultur nicht mehr im alten Sinne befruchtet werden. So ersteht der neue Jude, der von innen keinen selbstverständlichen Halt hat, der sich in der Außenwelt nicht mehr zurechtfindet, — sein wesentliches Merkmal die .Wurzeil os i-gkeit. Die schöpferischen Kräfte versagen, die intellektuellen und ästhetischen beginnen zu dominieren. Ende, des neunzehnten Jahrhunderts ist diese Entwicklung vollendet. Der Jude, der einst in den Banden des Volkstums und der Familie so fest und sicher verschlungen ruhte, ist zum Individualisten geworden. Er hat sich bedingungslos dem politischen Liberalismus verschrieben, der damals nicht im Parteiwesen und der Tagespolitik aufging, der die Vollendung der individualistischen Weltanschauung war, der letzte Rest der Aufklärungsepoche in Europa. Denn aufgeklärt, rationalistisch ist der Jude des neunzehnten Jahrhunderts durch und durch. Und wie Demokratie und Tyrannis zusammengehören, so sind Individualismus und Kosmopolitismus stets, verbunden. Von den allgemeinen Rechten