Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 6 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Der Judische Student Religion und moderne Bildung. Keine der Parteien wollte richtunggebend auf den ganzen Menschen von innen heraus einwirken, das ganze geistige Dasein mit religiösen Triebkräften umfassen.*) Wenn später religiöse Schwärmer in begeisterter Hingabe ein Opfer des Intellekts, einen Verzicht auf wesentliche Bestandteile der modernen Kultur fordern konnten, so war davon in jener Generation nicht entfernt die Rede. Man war modern gebildet und legte ungeheuren Wert darauf; es zu sein. Die Bildung war die Form, in der das Deutschtum von der Judenheit Besitz ergriff; es wäre ganz falsch, hier irgendeinen Unterschied zwischen einer strengen und einer freiheitlichen Richtung zu konstatieren. In den orthodoxen Kreisen Norddeutschlands erwartete man mit Spannung die neuesten Romane Spielhagens, gab sich mit einem ästhetischen Entzücken, das von aller religiösen Gebundenheit losgelöst war, Heyses Kindern der Welt hin und nahm in den Kämpfen um die neue Musik mit Leidensehaft und Entschiedenheit Partei. Das gilt erst recht von der großen Masse der deutschen Juden, die mit dem Worte Judentum einen religionsgesellschaftlichen Sinn verbanden, verbinden wollten, und die mit dieser Konfession kein religiöses Gefühl verband, Ste stürzten sich mit aufrichtig gutem Willen in das geistige Leben Deutschlands. Wenn hier von einer wirklichen Assimilation, einem organischen Verwachsen mit dem deutschen Leben hätte gesprochen werden können, — nun, dann hätten wir ja damit zwar eine verzweifelte, aber doch eine Lösung der Judenfrage. Im wesentlichen handelte es sich jedoch um eine äußerliche Uebernahme fertiger Kulturgüter, — und feinem Köpfen, die für die Erkenntnis der Differenzierungen nicht blind, für den antisemitischen Jargon nicht blöde genug waren, erschienen die Juden als das Volk der allgemeinen Bildung, der grauen Internationale. * III Oberflächliche Auffassung wird mit der Begründung dieser Tatsache bald fertig sein. Wie die Juden, denen eine soziale Position erschwert war, sich den plattesten Faktor sozialer Macht, Geld, verschafften, so eigneten sie sich, als man ihnen ihr Deutschtum bestritt, die Resultate deutschen* Geistesleben an, um so den deutlichsten und brutalsten Beweis deutscher Kultur zu liefern. Aber die allgemeine Bildung ist mit dem Wesen der deutschen Juden zu eng verbunden, als daß diese Erklärung genügen sollte. Die Sucht nach Bildung läßt sich bei den Juden bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zurückverfolgen, also bis in *) Dieser Auffassung, scheinen Sätze S. R. Hirschs zu widersprechen; es ist hier nicht der Ort, die Frage ausführlich zu behandeln; ich begnüge mich mit der Feststellung, daß ich mich jener Worte wohl erinnere.