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Der jüdische Student · 1912-08-20 · Heft 5 (20.8.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 5 (20.8.1912)
Date
1912-08-20
Page
[Seite] (sequence 31)
Language
German
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Der Jüdische Student 169 Denken bleibt es nur deshalb national, weil das Nationale ein unauflöslicher Bestandteil des Religiösen ist. IV. Und nun bleibt nur noch eine letzte, praktisch die wichtigste Betrachtung übrig. Welche Bedeutung hatte diese Stellung der Religion im Galuthjudentum für die Assimilation zur Zeit der Emanzipation? Alle Betrachtung des Galuth muß auf die Assimilation hinauslaufen. Denn diese ist nur das Produkt aus jenem. Und hier zeigt sich die seltsame, fast paradox klingende Tatsache: Die zentrale Stellung der Religion im Galuth hat die Assimilation nicht — wie es scheinen müßte— erschwert, sondern erleichtert, ja ermöglicht. Gerade weil durch den alles beherrschenden Einfluß der Religion das Ghettojudentum zu einem so geschlossenen, einheitlichen Bau geworden war, konnte und mußte es so leicht und plötzlich einstürzen. Es gab keine Differenzierung, keine Mannigfaltigkeit. Alles war in dem Einen, im Religiösen konzentriert. Fiel dieses, so mußte alles stürzen; und als durch den destruktiven heranstürmenden Einfluß der Aufklärung das Gebäude der Religion zu wanken begann, da wankte das Judentum im ganzen; und als das Religiöse fiel, brach der ganze Bau in sich zusammen. Ein normaler Mensch kann seine religiösen Vorstellungen ändern, ja sich ihrer entäußern und dennoch die Eigenart seines Wesens beibehalten, weil bei ihm die Religion wohl etwas Wesentliches, aber nicht alles ist. Der Galuthjude vermochte das nicht. Die Religion war das Band, das all sein Inneres zusammenhielt. Als es gelöst wurde, da fiel das Ganze auseinander. Was das Galuthjudentum in seiner Abgeschiedenheit im Ghetto so groß und imposant gemacht, ward ihm nun im Kontakt mit der Außenwelt zum Fluch. Seine Geschlossenheit wurde sein Verderben. * * So steht das Galuthjudentum vor unseren Blicken, ganz beherrscht von der Religion, von ihr zu einer imposanten Einheit gebildet. Es gleicht der Stätte, in der es seine vollste Entwicklunggefunden hat, dem Ghetto. Abgesondert wie das Ghetto, von Mauern umgeben, eine abgeschiedene Einheit inmitten einer fremden Umgebung. Und unser Verhältnis zum Galuthjudentum ist wie unser Verhältnis zum Ghetto. Es imponiert uns, wir bewundern es in seiner Konsequenz, aber es ist uns fremd; in ihm leben können wir nicht mehr, die Luft ist zu dumpf und zu schwül; wir müßten ersticken in seiner Enge. Das Galuthjudentum ist eine Tragödie und die Assimilation bildet sein tragisches Moment. Tragödien aber sind versittlichende Kräfte. Man soll sie erleben, überwinden und durch die Ueberwindung sittlicher und reiner werden. Für uns moderne Juden gibt es keine zwingendere Notwendigkeit, als die Tragödie des Galuthjudentums zu erfassen, zu erleben und zu überwinden.

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