Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Der Jüdische Student so auch die Majestät seines Gottes kleiner und kleiner. Alles in allem: die Religion hatte an Umfang, an Einfluß, an Wirkung gewaltig zugenommen, an Weihe und Heiligkeit aber hatte sie verloren. Dies die Folge für die Religion selbst. Die Folgen für die anderen Faktoren des geistigen Lebens waren nicht minder wichtig. Sie sind analog den Wirkungen, die die zentrale Stellung der Religion für die Psyche des Galuthjuden gehabt hat. Sie gab ihn ihre Einheit und Geschlossenheit, aber nahm ihr ihre Selbständigkeit. Sie machte sie harmonischer, aber ärmer. Das gleiche gilt für die Wirkung der Religion auf die übrigen Gebiete des geistigen Lebens, auf die Kultur des Galuth. Sie verleiht dieser Kultur ihren streng einheitlichen Charakter, aber raubt ihr allen Reichtum, alle Mannigfaltigkeit, alle Differenziertheit. Alles wird religiös. Poesie, Literatur, Wissenschaft, Philosophie, alles zwingt sie unter ihre Gewalt. Auch die Kultur des alten Judentums basierte auf dem Religiösen. Aber dort war das Religiöse eben nur Basis, nur Tendenz. Bei aller Betonung des Religiösen hat das alte Judentum doch ein Schirhaschirim und einen Koheleth geschaffen. Das Galuthjudentum war dazu außer stände. Die einzige Epoche, in der die Keime einer selbständigen Literatur sich zeigten, war die spanische. Aber für diese trifft all das Gesagte auch nur zum Teil zu. Der spanische Jude zur Zeit Halevys und der anderen großen Dichter kannte kein Ghetto. Er lebte in seiner fremden Umgebung und hatte zu ihr ein inneres Verhältnis. Er besaß das normale Sicherheitsbewußtsein und scheidet so bei der Betrachtung des eigentlichen Galuthjudentums aus. Dieses selbst aber schuf wie gesagt nichts Selbständiges. Alles war Mittel, war Werkzeug geworden in der Hand der Religion. Wie der Galuthjude selbst wohl geschlossene Persönlichkeit, aber keine differenzierte originelle Individualität ist, so ist auch die Kultur, die er geschaffen, einheitlich und geschlossen, aber entbehrt des inneren Reichtums, der Differenziertheit, der Originalität. Diese Wirkung der Religion ist von ganz besonderer Bedeutung für das Nationale gewesen. Wie alles der Religion untergeordnet ward, so auch das Nationale. Waren für das alte Judentum Religion und Nation gleichwertige, koordinierte Begriffe gewesen, zum Teil sogar das Nationale der Oberbegriff, so wird es im Galuth umgekehrt: das Religiöse wird der Oberbegriff, das Nationale zum Teilbegriff. Die Messiasvorstellung wird unzertrennlich verbunden mit der Vorstellung von der Erlösung der Schechinah und wie sehr das Religiöse überwog, zeigen die mancherlei mystischen Strömungen, bei denen das Nationale vor dem Religiösen fast verschwindet. Das Galuthjudentum als ganzes bleibt natürlich durchaus national; schon aus instinktivem Zwang. In seinem Denken kennt es jedoch den Begriff des Nationalen nicht; in seinem