Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
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Der Jüdische Student 167 f HL Welche Folgen hat aber diese einzigartige Stellung der Religion im Leben des Oaluthjudentums für sie selbst gehabt? Es ist klar, daß sie von dieser Stellung, von dieser alles beherrschenden Rolle auch wesentlich beeinflußt werden mußte. Und zwar wird man a priori sagen können, daß die Folgen für sie selbst zum Teil nachteiliger Natur sein mußten. Denn was diese Stellung der Religion charakterisiert, ist ein ungeheures über sich selbst Hinauswachsen, eine sehr starke Ueberschreitung ihrer Grenzen und ihrer Kompetenz. Der Nachteil mußte aber zweifacher Natur sein: einmal für die Religion selbst, sodann aber für die anderen Faktoren des geistigen Lebens, die sie sich unterworfen und so ihrer Selbständigkeit beraubt hatte. Was die Folgen für die Religion selbst betrifft, so ist die vornehmste wohl die gewesen, daß die Religion im gewissen Sinne ihrer Weihe entkleidet wurde. Dadurch, daß die Religion über die ihr eigene Sphäre hinausgewachsen war und nicht nur die tiefsten, heiligsten Bedürfnisse des Juden, sondern auch seine alltäglichsten befriedigen mußte, ward sie zum Teil aus der Sphäre der Heiligkeit in diejenige der Alltäglichkeit hinabgezogen. Etwas Alltägliches aber kann nicht mehr in höchstem Grade heilig sein. Nicht nur hatte der Jude auf der einen Seite sich von der Welt des Irdischen in die des Himmlischen erhoben und dort die Wurzeln geschlagen, die ihm seinen Halt und sein Sicherheitsbewußtsein geben sollten, er hatte auf der anderen Seite auch den Himmel zu sich herabgezogen. Auch das Verhältnis des Juden zu seinem Gotte wurde dadurch teilweise seiner Weihe entkleidet. Ich möchte sagen: Der Galuthjude verlor die Distanz zu seinem Gotte; er wurde mit ihm gewissermaßen intim. Sein Gott war ihm alles; an ihn wandte er sich bei der banalsten wie bei der heiligsten Angelegenheit. Es ist klar, daß die scheue Ehrfurcht, das ängstliche Erzittern vor der Majestät der Gottheit darunter leiden mußten. Der Gott des Galuthjuden ist der liebende Vater, der helfende Tröster, der kraftspendende Freund, aber von jener Erhabenheit, jener kolossalen Größe, jener imposanten Majestät, die er im alten Judentum hatte, ist viel geschwunden. Dies ersieht man aus der ganzen religiösen Literatur des Galuthjudentums. Sie ist gewiß tief empfunden, atmet das kindlichste Vertrauen zu Gott, aber das große Pathos, die imposante Wucht der Propheten, ja selbst die erhabene Schönheit der Psalmen mangelt ihr. Gott ist nicht mehr der Weltengebieter, der Herr der Sturmesgewalten, der in seiner Majestät Unvergleichliche, den man nicht schauen kann ohne zu sterben, sondern er ist der Freund, der Helfer, der Versöhner, der vorsorgende Vater. Er hat an Innigkeit gewonnen, aber an Größe und Erhabenheit verloren. Wie der Horizont des Galuthjuden immer enger und enger wurde,