Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Der Jüdische Student einzige aktive Kraft, der gegenüber jeder einzelne zur Passivität verurteilt ist. Und noch ein anderes folgt daraus: Alle Persönlichkeiten des Galuth sind sich gleich. Denn sie sind alle aus der einen Schule hervorgegangen und haben alle genau dieselbe Entwicklung durchgemacht Kennt man einen, so kennt man alle. (Von den einzelnen großen Individualitäten sehe ich natürlich ab; das ganze gilt nur für den durchschnittlichen Galuthjuden, und auch für ihn nur im großen Ganzen. Ausnahmen gibt es hier, wie bei allen psychologischen Konstatierungen, natürlich in großer Zahl.) Der Galuthjude ist Persönlichkeit, aber nicht Individualität. Er ist nicht einzigartig, sondern Typus. War so die Religion die einzige Ursache für die innere Einheitlichkeit und Geschlossenheit des Galuthjuden, so bildet sie auch den alleinigen Erklärungsgrund für seine äußere, scheinbare Gespaltenheit, für die äußere Dualität seines Wesens. Betrachtet man nämlich den Galuthjuden, besonders den Ghettojuden, näher, so wird er auf den ersten Blick als seltsam gespaltenes Doppelwesen erscheinen. Bald wird man ihn beobachten können, wie er zitternd, gebeugt, demütig vor dem Nichtjuden steht, wie er sich alles von ihm bieten, wie ein Hund sich treten und peitschen läßt — eine scheinbar würdelose, allen inneren Haltes ermangelnde Sklavennatur. Und dann wieder sieht man ihn stolz sich für seine Religion hinopfern, mit unvergleichlichem Heroismus für seine Ideale in den Tod gehen, mit der Willenskraft eines Titanen noch auf dem Scheiterhaufen sein „Sch'ma Israel" rufen, eine überwältigende, einzigartige Heldennatur. Woher kommt dieser Gegensatz, der schier unbegreiflich ist? Nach dem vorher Gesagten ist er leicht erklärlich. In dem einen Falle steht er außerhalb der Sphäre seiner Religion, es fehlt ihm somit sein Sicherheitsbewußtsein, er ist als Wurzelloser der Schwächere gegenüber dem bodenständigen Nichtjuden. Kaum aber rührt man an seine Religion, kaum befindet er sich in seiner Welt, kaum hat er sein Sicherheitsbewußtsein wiedererlangt, da zeigt er all die wunderbaren Kräfte seiner Natur, da kann er sich geben, wie er ist, da erst ist er wieder Mensch. So lebt er äußerlich ein zweifaches Leben : das eine, das reale, als Sklave, und das andere, das ideale, im Glänze seiner Religion als Herr. Was uns aber als Zweiheit erscheint, ist es für ihn nicht. Denn die reale Welt existiert für ihn eigentlich nicht. Da ist er nicht er selbst, sie hat für ihn keine innere Bedeutung; darum kann sie auch ihn innerlich nicht demütigen und trüben. Sein Leben ist das der Religion. Da ist er ganz er selbst, ganz Jude, ganz Persönlichkeit. Da steht er da in seiner ganzen Geschlossenheit und Einheit: eigenartig, seltsam, einseitig und schroff, aber in seiner Geschlossenheit eine unvergleichliche Erscheinung.