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Der jüdische Student · 1912-08-20 · Heft 5 (20.8.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 5 (20.8.1912)
Date
1912-08-20
Page
[Seite] (sequence 27)
Language
German
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Der Jüdische Student 165 wie in seinem Erdenleben. Glaubte er doch oft genau den Platz zu kennen, an dem er im Jenseits sitzen würde, die Nachbarn, die ihn umgeben würden. Und wie es mit dem Jenseits war, so war es auch mit den anderen Vorstellungen der Religion. Alles war ihm real, konkret, greifbar. Nun versteht man, warum die Religion diese zentrale Stellung für den Galuthjuden haben konnte und haben mußte. Sie erst gab ihm Halt und Boden unter den Füßen. So ward ihm die Religion nicht ein metaphysisches Bedürfnis zur Befriedigung und Lösung innerer Zweifel und Fragen, wie sie es uns ist, sondern zu einer ganz gewöhnlichen Notwendigkeit. Alles, was den anderen Menschen das reale Leben gab, gab ihm die Religion. Für jeden anderen Menschen ist die Religion ein Problem, für den Galuthjuden war sie eine Selbstverständlichkeit. Jeder andere ringt sich zur Religion durch, der Galuthjude kannte von vornherein nichts anderes als sie. Jedem anderen ist die Religion ein Bedürfnis für die zartesten und tiefsten Regungen und Empfindungen seiner Seele, ihm war sie die gewöhnlichste Kost; sie befriedigte ebenso seine alltäglichsten Bedürfnisse wie seine tiefsten; mit einem Worte: Die Religion war dem Galuthjuden alles, im buchstäblichen Sinne des Wortes. II. Dies mußte naturgemäß die wichtigsten Folgen haben. Eine solche alles beherrschende Stellung der Religion, wie sie niemals wieder in Erscheinung getreten ist, mußte sowohl für die Psyche des Galuthjuden wie für die Entwicklung der Religion selbst von der einschneidendsten Bedeutung werden. Betrachten wir zunächst die Folgen für die Psyche des Galuthjuden. Die wichtigste war die, daß der Galuthjude infolge dieses Einflusses der Religion fast mit Notwendigkeit Persönlichkeit wurde. Denn da die Religion ihm alles gab und so sein ganzes Leben bis in seine geringsten Aeußerungen beherrschte, diese Religion aber in sich streng geschlossen und einheitlich war, war es nur selbstverständlich, daß auch das Leben des Juden Geschlossenheit und Einheitlichkeit erhielt, daß auch seine Natur im vollsten Sinne abgerundet und harmonisch wurde. In der Art, wie der Jude Persönlichkeit wurde, liegen die besonderen Eigenarten der Galuthpersönlichkeit begründet. Vor allem: er ist passive Persönlichkeit. All die Vorstellungen, die wir heute mit dem Begriff der Persönlichkeit verbinden, also Aktivität, Tatkraft, Energie, Selbständigkeit, treffen bei ihm nicht zu. Denn er hat sich ja nicht selbst zur Persönlichkeit gebildet, sondern ist durch den alles beherrschenden inneren Zwang der Religion gebildet worden. Er bildet eigentlich nur ihre Verkörperung. Was in ihm spricht, lebt, wirkt und handelt, ist sie, die Religion. Er ist nur Werkzeug in ihrer Hand. Sie ist die

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