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Der jüdische Student · 1912-08-20 · Heft 5 (20.8.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 5 (20.8.1912)
Date
1912-08-20
Page
[Seite] (sequence 26)
Language
German
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164 Der Jüdische Student des Galuth überhaupt, des Ghettos im besonderen, in psychologischer Hinsicht darstellt: vom Mangel des Sicherheitsbewußtseins beim Galuthjuden. Jeder Mensch muß als Voraussetzung all seines Schaffens und Daseins ein gewisses Gefühl der Sicherheit besitzen, das identisch ist mit dem, was wir Bodenständigkeitsbewußtsein nennen. Man kann in diesem Bodenständigkeitsbewußtsein die Eigenschaft sehen, die Voraussetzung aller Zivilisation und Kultur ist. Alle Zivilisation beginnt ja mit dem Streben des Menschen, die ihn umgebende Wirklichkeit nach seinen Wünschen und Bedürfnissen umzugestalten. Damit aber dieses Streben überhaupt aufkommt, ist es nötig, daß zwischen dem Menschen und der ihn umschließenden Wirklichkeit ein gewisses Band besteht, daß der Mensch zu der Natur, die ihn umgibt, ein gewisses Verhältnis gewinnt, daß er mit seinem Boden, mit seiner Umgebung verwächst. Hierdurch gewinnt er jenes Maß von Sicherheit, ohne das er nicht normal existieren kann. Weil er eben den Boden, den er bewohnt, als den seinen empfindet, die Natur, die ihn umgibt, als ihm entsprechend ansieht, fühlt er sich in ihr sicher. Fehlt dieses Sicherheitsbewußtsein, so geht der Durchschnittsmensch moralisch und physisch zugrunde, der talentierte, höherstehende wird zu jenem Zwitterwesen ohne Halt und Basis, das wir als Boheme bezeichnen. Dieses zu aller normalen Existenz notwendige Sicherheitsbewußtsein fehlte nun dem Galuthjuden. Das war ja die selbstverständliche Folge des Galuth. Der Galuthjude mußte ja seine ganze Umgebung, den Boden, auf dem er saß, als ihm fremd empfinden. Er fühlte sich durch die Tücke des Zufalls in ein Milieu versprengt, zu dem er gar kein inneres Verhältnis besaß noch gewinnen konnte. So fehlte ihm jeder Halt unter den Füßen, er schwebte gewissermaßen in der Luft. Ohne einen solchen Halt aber war sein Dasein unmöglich. Eine Pflanze ohne Wurzel verdorrt, ein Mensch ohne Sicherheitsbewußtsein geht zugrunde. Was tat er? Er benutzte den in sich abgeschlossenen Bau seiner Religion als Ersatz für das, was ihm die reale Welt nicht geben konnte. Das Sicherheitsbewußtsein, das er in der Realität des Alltags nicht gewinnen konnte, gewann er in der Welt der Religion. Er, der im realen Erdenleben haltlos in der Luft schwebte, gewann festen Halt in der Welt des Ueberirdischen, des Himmlischen, des Religiösen. Die Welt der Religion wurde ihm zur Wirklichkeit. Niemals in der Geschichte — mit Ausnahme seltener mystischer Gestalten und Sekten — hat ein Mensch die Welt des Religiösen so unmittelbar, so greifbar, so konkret empfunden wie der Galuthjude die seine. Ihm war das Jenseits kein philosophischer Begriff oder eine poetische Phantasie oder religiöse Vorstellung, sondern greifbare Realität, in der er sich ebenso heimisch fühlte

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