Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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162 Der Jüdische Student über, er trennt sich von ihm und überläßt ihn sich selbst. Und hier gelingt ihm auch die herbe und hingebende Einfachheit, das Gretchenhafte einer Anna Rosner ungleich lebensvoller als etwa in den schwächlichen Konturen des „Freiwilds" oder der „Liebelei". Trotz alledem gibt dieser Roman mehr einen Willen als einen Weg. Der Gegensatz zu der dämonischen Ruhelosigkeit Bermanns, der wirkliche Aufbau einer fester gewordenen Welt ist dem Dichter auch hier nicht geglückt. Georg von Wergenthin atmet wohl freier als diese engbrüstigen, dem Unstern ihres Stammes verfallenen Juden, aber auch er verliert sich zu oft ins Ungemessene, sein Gefühl braucht sich willenlos in dämmernder Ergriffenheit auf; er ist eine fast ebenso problematische Natur, die nur wenigen Lagen gewachsen scheint. Wir jüngeren Juden, die wir ein Vierteljahrhundert später geboren sind, sehen wohl, daß Schnitzler zu stark in seiner Zeit wurzelt; fast ein Menschenalter künstlerischer Arbeit hat diese seine tiefste Art zu mächtig in seine Werke eingeschlossen. Er gibt uns auch im „Weg ins Freie" mehr „ein Grüßen unbekannter Tage" als ein neues Bild des immer unerschöpften Lebens. Und zugleich fühlen wir mit immer besserer Bestimmtheit, daß wir wirklich nicht mehr ganz da stehen, wo dieser Dichter steht: in uns beginnt jener Sinn zu wachsen, den Felix Wegrath besitzt, und um den wir schwerer kämpfen müssen als andere, glücklichere Völker: Der Sinn für das Wesentliche. Wenn das jüdische Volk noch eine Mission hat (diese Bedingung ist eine Sache des Glaubens wie jede tiefere Angelegenheit), so kann es gleich dem lange irrenden Peer Gynt nur die eine haben, „es selbst" zu sein. Und wir erinnern uns mit aller Liebe und mit wartendem Humor an die erstaunten Worte, die der Oberleutnant Stanzides über dieses Volk zu Georg sagt, und in denen soviel von der Vergangenheit und immerhin einiges für die Zukunft liegt: „Es ist schon eine sonderbare Rass\"