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Der jüdische Student · 1912-08-20 · Heft 5 (20.8.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 5 (20.8.1912)
Date
1912-08-20
Page
[Seite] (sequence 23)
Language
German
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Der Jüdische Student 161 zum Schluß, „daß jetzt wieder ein besseres Geschlecht heranwächst —", und als wäre dies bei ihm gewiß unerwartete Geständnis ein letzter Spott seiner sterbenden Ueberlegenheit, fügt er hinzu: „Mehr Haltung und weniger Geist." Ich sehe hier durch allen Spott doch die Erkenntnis schimmern, die diesen Mann am tiefsten treffen muß und zu der ihn, selbst in so ironisierender Form, wohl nur die befreiende Nähe des Todes führt: er empfindet sich und Seinesgleichen nicht so sehr als einen Ausdruck menschlichen Wesens überhaupt, wie es ist und immer sein wird, sondern mehr noch als den vielleicht gedrängtesten, vielleicht hoch gesteigerten Gestus einer ganz bestimmten Zeit. Die nächste Generation erzieht schon nicht mehr jene Schar von Gleichgerichteten, die seine besondere Art zu ihrer Bestätigung braucht, das Leben geht weiter, ohne vor der vielbegreifenden Höhe, vor den unterirdisch funkelnden Lichtern seines Geistes Halt zu machen, — sein Dialog ist im weitesten, in einem vernichtenden Sinn beendet. Daß Schnitzler diese Deutung gewollt hat, beweist mir sein vier Jahre später erschienener „Weg ins Freie". Hier zum ersten Mal offenbart er seine innere Beziehung zum jüdischen Volk, und man fühlt an Bermann, an Nürnberger aufs neue, wie sehr alle seine Literaten, seine ganze Welt aus jüdischem Erleben geboren ist. Aber wesentlicher scheint mir, daß er zum ersten Mal mit einem vollen Roman ausspricht, was der „Einsame Weg" nur im Vorübergehen streifte: Auch für Schnitzler werden Paracelsus und Sala und Filippo Geschöpfe jener schwankenden Epoche, deren schärfste Spiegelung der Jude Heinrich Bermann darstellt, und diese Epoche, das empfindet er nun, nähert sich ihrem Ende, weil kein lebender Organismus solche auflösenden Werte dauernd erträgt, weil auch das jüdische Volk sie in irgend einer Form überwinden muß. Es ist der aufrichtigste, Gerichtstag, den hier ein Dichter über sein ganzes bisheriges Schaffen hält. Denn indem er Heinrich Bermann trotz allem Wissen von den Menschen, trotz aller Herrlichkeit seines Verstehens an einem Punkte enden läßt, wo er bestimmt ist, ,,irgend einmal hinabzustürzen ins Leere", stellt Schnitzler auch jene verwandten Naturen in den düstern Schatten dieses Zusammenbruchs. Der dunkle Rhythmus hoffnungslosen Entgleitens, der ihm früher aus allen Erschütterungen entgegenschlug, wird hier zur besondern Atmosphäre einzelner gezeichneter Menschen. Aber Hand in Hand mit dieser Erkenntnis geht notwendig ein innerer Abstand zu seinen Gestalten, eine Objektivierung seiner selbst, wie sie keins seiner früheren Werke aufweist Freilich ruht auch auf Bermann viel von seiner Liebe, die tiefsten Sätze des Romans, über denen der ganze dichterische Glanz ruht, werden von ihm ausgesprochen; aber Schnitzler steht diesem Menschen mit einer neuen Unabhängigkeit gegen-

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