Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 159 doch nirgends zuhause sind, unfähig, das Leben zusammenfassend zu spiegeln, aber begabt mit dem unheimlichen Blick des Analytikers und ohne die wohltätige Schranke;, die das nationale Gebundensein in den Andern errichtet. Es ist ihr Glück und ihr Unglück, daß sie gerade in [ein solches unsicher gewordenes Jahrhundert hineingeboren sind. Die europäische Kultur liegt offener ausgebreitet, sie kann schneller aufgenommen, von vielerlei Seiten begriffen werden; ja, einzelne Bevorzugte, wie Sala, wie Schnitzler, hören mit erstaunlich feinen Sinnen das vielstimmige Chaos, das so überreich beladene Kulturen erzeugen, und werden tief davon ergriffen. Aber den von keinem Volksgefühl Getragenen, die sich noch dazu mühsam, ohne das Mindestmaß innerer Festigkeit, gegen eine feindliche Umgebung behaupten müssen, ballt sich aus solchem Erieben keine geschlossene Welt. Sie entnehmen der Gegenwart mit schmerzlicher Genugtuung, was sie an Vieldeutigem, dunkel Schillerndem birgt, das Bodenlose, das zwischen den Grenzen dahinfährt und die Dinge zu zersetzen droht. Ihr Leben gewinnt an Wahrscheinlichkeit, an Echtheit, wenn sie dies Auflösende und Verschwebende zum philosophischen Inhalt des ganzen Daseins machen. Sie suchen nicht, wie es Nietzsche getan, einer neuen Bewegtheit eine neue Antwort: ihre erschreckende Begabung will nur diese Bewegtheit restlos aussprechen und gelangt bald an den Abgrund, wo das Individuelle, das doch den Grundstock alles Werdens bildet, in allgemeine Dunkelheiten zerfließt, wo ihr Lachen und Weinen, die ganze naive Besonderheit ihrer Instinkte, sich an der kalten Glut ihres Wissens verzehrt. Doch da auch sie Geschöpfe dieser Erde sind, die zu ihrem Lichte wollen, so wird ihre Sehnsucht doppelt stark und doppelt ohnmächtig: Sie fühlen, daß es hier zu Ende ist. Ach, es ist nicht zu Ende! Denn diese Literaten, diese Juden gehen ja nicht unter der Last solcher Lebensstimmung zugrunde wie eben jener Dorian Grey, den man eines Morgens erstochen vor seinem Bilde findet. Das Friedlose bedrückt sie nie so furchtbar ernst, weil ihre Geburt schon, ihre Abstammung sie darein gestellt hat, und ihre Sehnsucht hängt sich, mit nie ganz ermattender Gebärde, noch an den ärmlichsten Tag. Hierin liegt der unleugbare Niedergang, das im letzten Grunde Lebensunfähige dieser Menschen: der Geist, wie sie ihn begreifen, gewährt ihnen nur mehr hoffnungslose Möglichkeiten, und doch leben sie weiter, leben selbst mit der „metaphysischen Ueberzeugung von der eigenen Ueberflüssigkeit". Es bedeutet hiergegen wenig, wenn etwa bei Schnitzler der Dichter Filippo Loschi sich selbst tötet. Man glaubt ihm die Ruhe eines solchen Entschlusses nicht, man weiß, daß er nicht zum ersten Mal von tiefem Ekel vor allem Menschlichen erfüllt war. Er steht am