Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Der Jüdische Student rischen Erfassens mit philosophischer Problemstellung, die den Leser beunruhigt, weil sie den Dichter beunruhigt. Auch Ibsen sucht vergeblich einen Ausgleich zwischen Wollen und Können, und Tolstois Menschen kommen nach langem Irren zu einer Klarheit, die für die meisten von uns keine Lösung darstellt Aber die besten Werke dieser Dichter führen, unabhängig von solchen Fragen, noch ein gesondertes Dasein, sie sind unantastbare Objekte voll hinreißender Wahrhaftigkeit, die es gleichgültig erscheinen läßt, wie ihr Schöpfer sich schließlich zu ihnen stellt. Schnitzler vermag sich nicht in gleicher Weise in seine Werke zu verlieren, oder, anders gesehen, er ist zu tief in sie verwickelt. Seiner Kunst fehlt die letzte Geschlossenheit, die sich selbst und doch auch die andern ausspricht, die Fähigkeit, über und in der Flut zugleich zu sein. Es muß dem Juden erlaubt sein, in dieser inneren Beschaffenheit mehr zu sehen als nur das Besondere, das einen Dichter von andern Dichtern unterscheidet: einen wesentlichen Zug des westeuropäischen Juden, wie er uns um die Wende des 20. Jahrhunderts entgegentritt. Zunächst freilich ist Schnitzlers Wirken ein Ausdruck der Epoche, in der er heranreifte. Eine Zeit die plötzlich die Last erstarrter Traditionen von sich wirft und wie am ersten Tag, voraussetzungslos und unerbittlich, das Leben erkennen will, die die schal gewordenen Begriffe einer vergangenen Größe bis zu den Wurzeln zu zerstören beginnt, so daß ihr in der Eile keine neuen heranwachsen, die endlich, von angstvoller Gründlichkeit von quälender Bewußtheit besessen, im Geistigen und Sittlichen überhaupt nichts Entscheidendes mehr auszusagen wagt, — diese durch zahllose neuerschlossene Tatsachen, Beziehungen, Abhängigkeiten tieferschütterte Zeit ist unmöglich ohne bestimmenden Einfluß auf Schnitzler geblieben. Aber eben in der Art, mit der er sie begreift, liegt für mich etwas den Juden Eigentümliches. Er wird nicht, wie der unter wolkenlosem Jugendhimmel hinträumende Dorian Grey, plötzlich durch die Zweideutigkeit des Lebens aus seiner harmlosen Bahn geschleudert, sondern fühlt sich der Gegenwart von Grund aus verwandt Seine Literaten (kaum eine seiner Gestalten ist ja ohne einen solchen Einschlag) zeigen mit schmerzlicher Deutlichkeit, was hier gemeint ist. Sie alle gehören, auch wo sie ein Adelswappen führen, zum Typus der Literaturjuden, die so überaus charakteristisch sind für das geistige Gepräge dieses ganzen Judentums. Sie tragen das Entwurzelte, die Heimatlosigkeit ihres Volkes als Kainszeichen an der müden Stirn, überall sind sie zuhause, geschmeidig geworden durch eine fast gewaltsam schnelle Emanzipation, während sie