Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1912-08-20 · Heft 5 (20.8.1912) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 5 (20.8.1912)
Date
1912-08-20
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3537599-3537600-3537605--2460-3540553
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Jüdische Student 157 der als Staatsmann und Krieger sicherlich einen beabsichtigten Gegensatz zu Filippo darstellt, (wenigstens wird dies mehrfach angedeutet) läßt sich genau wie Filippo durch Beatrice von seinem höchst gefährdeten Land und seiner Ehre willenlos ablenken und verliert sich durch das ganze Stück in schwankendes Grübeln. Eine Bewegung wie die Renaissance, das hellste Erwachen urkräftiger Instinkte und einer vielgestaltigen Geistigkeit, wird bei Schnitzler ein schattenhaftes, verschwimmendes Irgendwo und teilt mit dem großen Italien kaum mehr als Daten und Namen. Schnitzlers Weltbild kehrt sich gegen sein eigenes Schaffen und setzt ihm die Grenze. Auch in diesem Dichter lebt die Grunderkenntnis jedes wahren Künstlers: Daß die Dinge um uns stumm sind, mit undurchdringlicher Gleichgiltigkeit gegen unsern Schmerz und unsere Freude gesetzt, eines fremden Gottes verschlossener Besitz; und gerade sie erregen doch erst das Bewußtsein unserer selbst, unser Siegen und Verzichten, sie geben erst dem Innern die Sehnsucht, um die es zu ringen lohnt, verstricken uns hundertfach in die Tiefen der Gegenwart, und wir steigen gerade an ihnen wieder empor zur Höhe des Beschauers, der das oft wiederholte Wirrsal der Geschehnisse in etwas Einmaliges, Höchstpersönliches umbildet — Innen und Außen, Natur und Kunst in ewiger Flucht und ewigem Begegnen. Aber diese Erkenntnis findet an Schnitzler keine zugreifende Stärke. Er steht dem wilden Glanz des Chaos nicht als Herrscher gegenüber und vermag nicht die zahllosen Fäden in eine aus ihm klingende Einheit zu ordnen. Schwermütig fühlt er sich ergriffen, gewiß, daß ihm das Ganze entgleitet, wie es ihm geschenkt wurde, und darum willenloser hingegeben als es mit seiner zurückhaltenden Vornehmheit im Grunde vereinbar ist. All sein Witz, seine wienerische Grazie können diesen Riß nicht überbrücken, sie tragen ihn im besten Falle auf die schmerzliche Höhe der Selbstverspottung. Und wo einmal eine Heiterkeit aufleuchtet, wie hinter dem „Grünen Kakadu", da wirkt sie nur wie ein vorübergehendes Vergessen des Abgrundes, den er vor sich sieht. Er wird wohl unendlich bewegt, aber zugleich verwirrt und entwaffnet, weil er für die tausend Erscheinungen gleichsam tausend Augen besitzt, die ihm zu viele Seiten entblößen. Daher gestaltet er auch keine eigentliche Handlung und läßt das Leben sich an ihr auswirken, daher kommt er nicht dazu, bestimmte Menschen mit bestimmtem Tun für sich reden zu lassen, sondern stellt immer wieder wie seine Gestalten die Frage nach dem Sinn und kann nur immer aufs neue ihre Unlösbarkeit dartun. Das Allgemeine, die Dunkelheit psychologischer Verknüpfungen, der Uebergang von Wunsch zu Wirklichkeit, lähmt und verdrängt das Besondere. Es bleibt ein Rest von Tendenziösem, eine Verquickung dichte-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.