Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Der Jüdische Student Sehnsucht entgegenstarrt. Nicht nur die Menschen, auch die Dinge lassen ihn einsam zurück, auch er spürt ungleich tiefer das Vorübergehen als die Gegenwart, die unbestimmbar dunklen Grenzen als den eingeschlossenen Inhalt. Die Umwelt erschließt sich ihm, aber sie zeigt nur mit namenloser Deutlichkeit, was ihm endgültig versagt bleibt. Es ist erschütternd, wie er dies nie Auszugleichende durch den überlegenen Gestus des Skeptikers zu mildern sucht und mit epigrammatischer Schärfe an den Zusammenhängen rührt, um ihnen ihren Stachel zu nehmen. Dabei wird er nicht cynisch: Noch die kältesten Worte offenbaren den einsamen Reiz eines Mannes, der sein Inneres an das Leben als an eine Macht verschwendet, die er glühend liebt, — und der er im Grunde nirgends gewachsen ist. Mitunter leuchtets wie Humor in diese Welt, aber es ist ein schwermütiger Humor, und er endet bei dem müden Trostwort Omar Namehs, des Weisen von Bagdad: Du, der da weiter lebt, laß ab zu weinent Schnitzler ist in Stefan Sala restloser enthalten als in seinen andern Werken, Schöpfer und Geschöpf sind kaum mehr zu trennen. Aber auch früher durfte der Leser, wenngleich nicht mit dieser Klarheit, doch hinter jedem Wort, jeder Person von tieferer Bedeutung immer den Dichter selbst erkennen, die Gedanken seiner Menschen waren fast immer seine eigenen. Vielleicht fällt von hier aus ein letztes entscheidendes Licht auf Schnitzlers Persönlichkeit. Wieder muß gesagt werden, daß natürlich jeden Dichter nur der eine Drang treibt, sein Bild vom Leben und damit sein Inneres zu möglichst klarem Ausdruck zu bringen. Aber ein Roman wie etwa die „Versuchung des Pescara" zeigt bis ins Kleinste die Welt C. F. Meyers und faßt doch so grundverschiedene Männer wie Pescara und Karl Bourbon und den Morone. Schnitzlers Menschen stehen miteinander in engster Verwandtschaft, sie sind in ihrem Kern so orientiert wie ihr Erzeuger. Filippo und Paracelsus, Anatol und Professor Wegrath und der Puppenspieler, ja, so triebhaft gedachte Naturen wie Beatrice und Marie Moser gehören zu den reflektierenden, ungleich mehr getriebenen als treibenden Geistern, sie ergreifen nicht so durch ihre individuelle Beschaffenheit wie durch die ihnen allen mit ihrem Dichter gemeinsame Art: Den Schwerpunkt des Erlebens auf das Unerfüllte, nie zu Haltende, das Gleitende und hoffnungslos Verschwebende zu legen, die Sehnsucht gleichsam nur an einem Ende zu erfassen. Am lebendigsten werden diese Menschen da, wo sie, wie eben Sala, vollkommen die Schnitzlersche Seele atmen, am unwahrscheinlichsten, wo sie dem Kreis der Handelnden angehören sollen. Der Waffenschmied Cyprian, der „fest auf seinem Grunde steht", wirkt wie eine rhetorische Figur, man hört wohl, daß er ein seßhafter, selbstgefällig in sich ruhender Bürger ist, aber er gewinnt keine plastische Gestalt. Der Herzog Bentivoglio,