Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 155 daß das Leben gerade ihnen ungenutzt und unwiederbringlich entflieht. Da wird denn an einem Literaten der ganze Reichtum und die ganze Fragwürdigkeit Schnitzlers offenbar. Der „Einsame Weg", in dessen Mitte diese Gestalt steht, für mein Gefühl seine bedeutendste Schöpfung, faßt noch einmal alle Höhen und Tiefen dieses Dichters in künstlerisch außerordentlich geschlossener Förm zusammen; seine besondere Art zu empfinden -teilt sich dem Leser voller, ergreifender mit als aus seinen andern Werken. Auch hier ist der Grundgedanke, daß selbst die Nächsten von einander nichts wissen, sie „flattern auseinander, weiß Gott wohin", ohne sich wirklich gekannt zu haben. Gerade der enge Kreis von klugen und gebildeten Menschen, der dieses Drama trägt, fühlt das Ausgeschlossene, das Alleinsein des Einzelnen doppelt stark; je höher die Individuen geistig stehen, um. so ferner bleiben sie sich, auch wo ihr Verhältnis als Freundschaft oder Liebe erscheint. Und wieder um so mächtiger wirkt der Drang, Welt und Menschen bestimmter zu erfassen. Ein Professor wirbt vergebens um seine Frau, ein Vater um seinen Sohn, ein junges Mädchen will vor der Einsamkeit des Elternhauses hinausfliehen in die weite Welt mit ihren Wonnen und Gefahren. Bei alledem fällt gleichsam kein lautes Wort, die Personen sind von einer unsagbar verhaltenen Stimmung umflossen, der Sinn der Vorgänge steht mit ihrem Ausdruck, bis hinunter zu kleinen szenischen Bemerkungen, in einem unvergeßlichen Zusammenhang. Und dazwischen, noch loser mit allem verknüpft, geht Stefan von Sala, der Dichter, das letzte veredeltste Glied jener Kette von Literaten, ein arbiter elegantiarum von vielfacher Erfahrung und umfassendem Gefühl. Das Chaos des Lebens öffnet sich ihm deutlicher als andern. Wenn er von dem goldnen Dunste über den Hügeln spricht oder von rätselhaften Fernen oder von den dreihundertzwölf Stufen, die man in Baktrien ausgegraben hat und die in eine unbekannte Tiefe führen, so liegt dahinter die ganze Fülle des Unfaßbaren und doch seltsam Vertrauten, das aus den Dingen auf ihn einwirkt. Ein geschliffener Geist, begabt mit dem „tiefsten Wissen von der Welt", läßt sich auf seine besondere Weise von der Wirklichkeit durchdringen und gibt sich ihrem Werden und Vergehen, ihren Uebergängen und geheimnisvollen Perspektiven hin, wägend und distanzierend, mit Zurückhaltung und doch mit dunkel hervorleuchtender Ergriffenheit. Aber dieser Kenner ist unentrinnbar an das Drama vom Einsamen Weg gekettet. „Die Traurigkeit," sagt er gleich zu Anfang, „steckt in den Dingen oft tiefer verborgen, als man ahnt". Sein Wissen von der Welt wird keine ihn erfüllende Einheit, sondern mündet in ein Grundgefühl des Verzichtenmüssens, das hinter Sonne, Mond und allen Sternen seiner