Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Der Jüdische Student Stern, dem sie folgen müssen, sei es zum Glück, sei es zum Untergang. Der Dramatiker Schnitzler verzweifelt daran, den wahren Kern auch nur des Geringsten zu ergründen, ja, er läßt es im Dunkeln, ob dergleichen überhaupt vorhanden ist. Der Traum wird Leben, das Leben Traum, und die es so empfinden, die schwankenden Geschöpfe, sind um nichts bestimmter: Ihre Leidenschaften versickern, als hätten sie ihnen nie gehört; eine flüchtige Laune füllt im Augenblick die Seele und führt sie zum Verderben. Es gibt keinen Schwerpunkt als nur das allen gemeinsame Gefühl der Sehnsucht, jeder Einzelne birgt gleichsam alle Kräfte in sich, aber keine einzige wirkliche Kraft ist am Werke. Alles löst sich, wird unfaßbar, verschwimmt . . . Dieser jede Bestimmtheit aufhebenden Anschauung verbindet sich eine erstaunliche Hellsicht im Psychologischen: Schnitzler muß schon zu den Müttern hinabsteigen, um hinter allem Sein so durchdringend das Nebelhafte zu empfinden. Mit der ganzen Liebe und dem ganzen Mißtrauen des Kenners zerlegt er die großen Bewegungen der Seele in die tausend Partikelchen, aus denen sie seine Erkenntnis entstehen sieht. Den Leutnant Gustl ergreift nicht einfach die Furcht vor dem Tode, sondern seine gewohnten Gedankengänge beginnen sich in vielfachen Nuancen um jene dunkel lauernde Vorstellung zu schlingen, jede Sekunde erzittert stärker in der besonderen Beleuchtung der letzten Nacht. Das unterirdische Glühen Berta Garlans, das Schleichen der Krankheit im „Sterben" werden mit jeder noch so geheimen Unsicherheit, mit den verschwiegensten Zuckungen, mit allen kleinen Verlogenheiten im Kampf der Geschlechter ans Licht gehoben. Ja, Schnitzler dringt manchmal zu schwindelnden Verflechtungen, zu ganz ausgeklügelten Beziehungen vor, wie etwa in der „Gefährtin", wo man ihm nicht mehr recht folgen mag. Seine besondere Kunst aber gehört einer Klasse von Menschen, deren Beruf sozusagen das Psychologische ist und mit denen ihn daher eine tiefere Verwandtschaft verbindet: den Literaten. Sie durchsetzen mit wenigen Ausnahmen all seine Stücke und ziehen in allen Schattierungen vorüber: Vom heruntergekommenen Journalisten und schnell vergessenen Modedichter bis zum Puppenspieler, dem das Spielen mit Menschenseelen das Verhungern erleichtert, und weiter zur klagenden Höhe Filippos, der „heute Gott und morgen Affe ist." Schnitzler scheint oft über dies buntgemischte Volk zu spotten; aber man fühlt an den Besten unter ihnen, wie sehr gerade sie das darstellen, was dieser Dichter zu sagen hat. Sie besitzen ja in erhöhtem Maße jene lastende Bewußtheit, jenen Blick für das Differenzierte, der den Paracelsus zur Verneinung alles Individuellen führt. Und während sie das Dasein in ihre Werke einfangen wollen, während sie, immer unbefriedigt, sich im Gestalten aufbrauchen, merkt ihre Sehnsucht zu spät,