Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 153 in ihm sammeln sich die geheimen Kräfte, die hinausgreifen über den engen Rahmen des Erlebten nach einer nur geahnten Erfüllung. Noch der trunkenen Dirne Isabella ist der schönste Jüngling nicht schön, der stärkste Mann nicht stark genug, und doch muß sie ihm nachjagen. Die Wollust treibt die Menschen Bolognas im nächtlichen Wirbel des Schlosses zu einander, doch das Glück leuchtet ihnen fremd und fern wie die Sterne, die durch die Schatten des herzoglichen Parkes flimmern. Es ist ja sicher, daß das Gefühl der Sehnsucht den Untergrund jedes Kunstwerkes bilden muß, aber bei Schnitzler bedeutet es mehr und weniger als bei andern Dichtern. Nirgends in seinen Werken treffen wir auf Leben, Taten und Untergang eines Helden, wie etwa im Florian Geyer, wo die Personen und Vorgänge aus sich selbst jene Perspektive erzeugen und ein weitergehender Ausblick ihren Kreis ganz selten sprengt Die Schnitzlerschen Menschen begehren nicht nur und leiden unter ihrer Sehnsucht, sie suchen auch diese geheimnisvolle Kraft selbst zu ergründen. Marie Moser so gut wie Beatrice und Filippo tragen, um ein Wort Goethes zu brauchen, ihr Herz in der Hand. Fast von ihrem ersten Auftreten an stellen sie die Kardinalfrage nach dem Sinn des Lebens und wachen mit einer langsam bis zum Unheimlichen steigenden Bewußtheit über sich und dem Dasein. Diese Bewußtheit dringt bald zu andern Zweifeln. Wenn das Erleben selbst so wenig gewähren kann und der Drang doch unablässig glüht, wo liegt die Wirklichkeit? Ist nicht dieser Drang, nicht jeder Wunsch und Traum ebenso wahr wie die ewig unzureichende Erfüllung? „Alles Lebens Fülle", sagt Paracelsus, „ist von weit geringerer Macht als die Träume . . . Geheimnis alles, nur der Augenblick ist unser — und der flattert schon davon." Dieser Wunderdoktor findet die letzte Klarheit in einer völligen Verschleierung: „Wir spielen alle; wer es weiß, ist klug." Diese Verwischung aller Grenzen verdichtet sich im „Grünen Kakadu" zu einem großartigen Ausdruck gänzlicher Auflösung. Wie hier der Schauspieler Henry alle Anwesenden von seinem Mord überzeugt, und als man endlich die Täuschung erkennt, wirklich Grund zur Eifersucht bekommt und wirklich den Mord begeht; und wie die Gäste den ins Lokal dringenden Trupp von Auirührern auch nur für eine geniale Inszenierung halten, während doch die Revolution schon mit vernichtender Kraft über Paris hereingebrochen ist, — dies wilde Durcheinander, in dem niemand mehr Sein und Spielen unterscheiden kann, wird mit verwegener Kühnheit in einen Akt zusammengepreßt und blitzt noch durch die unscheinbarste Nebenhandlung. Aber der Hauptgedanke bleibt die Auflösung. Wir sind gewohnt, daß die Dramatiker Menschen erschaffen, die ihre eigenen Gesetze haben, ihren