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Der jüdische Student · 1912-08-20 · Heft 5 (20.8.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 5 (20.8.1912)
Date
1912-08-20
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
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152 Der Jüdische Student die Sicherheit, auch ihn „irgendwo in seiner Seele" mit seinem Volke verbunden zu sehen. Schnitzler ist einem größeren Publikum zuerst durch seinen Einakterzyklus „Anatol" bekannt geworden. Man erinnert sich des Helden dieser sieben Szenen: Des jungen eleganten Lebemanns, der die Cora nicht minder bedenkt als die Gabriele und das Leben sucht, wo es am heitersten fließt. Und doch bringt er's nie zu der leichtseligen Hingabe des wirklichen Genießers, sondern noch im Augenblicke zartesten Versunkenseins kommt ihm „das Episodenhafte der Geschichte deutlich zum Bewußtsein". Die letzten Stunden einer absterbenden Liebe lassen ihn immer wieder nach neuen Erlebnissen verlangen, heißer, glühender als je, und hängt glücklich eine andere Bianca an seinem Halse, dann rückt die Erfüllung plötzlich in weite Ferne: Die Sehnsucht höret nimmer auf. Dies Widerspiel des ewig Unerfüllten und immer neu Begehrenden, die nie gestillte Flamme der Sehnsucht bewegt in •der Folge die ganze Schnitzlersche Welt. Ob der Schriftsteller Felix, dem der Tod schon unerbittlich im Nacken sitzt, bis zum letzten Atemzuge noch von erstickendem Neide auf die Gesunden, die Ueberlebenden ergriffen bleibt, oder ob ein dreiundachtzigjähriger Klavierspieler allabendlich die Produktionen einiger trüber Varietesterne begleitet und dabei vor einem jämmerlichen Publikum um den „Erfolg" seiner Kompositionen zittert, — es ist immer derselbe beglückende, mehr noch verzehrende Kampf. Bei Schnitzler findet dieser Kampf einen umfassenden Ausdruck in der Liebe; was „Anatol" schon unsicher anklingen läßt, wird dem reifenden Dichter zum bewußten Symbol. Vielleicht ist sie so noch selten empfunden worden: als die prägnanteste Spiegelung des Lebens überhaupt, wo das Begrenzte des Instinktes und die Weite des Geistigen dicht nebeneinander liegen, dieselbe längst gekannte und nie ausgeschöpfte, die Körper und Seele in gleicher Weise wach hält und erschlaffen läßt und ruhelos zu neuen Abenteuern treibt. Der Rekrut und der Kavalier, der Graf und der Ehemann, alle finden sich in dem einen lächerlichen und bedeutsamen Reigen; jeder belügt die Frau, die Frau belügt ihn, aber es wird nicht tragisch, denn die Geschlechter kennen sich sehr genau, sie wollen den Betrug, weil noch der Elendeste in ihn ein Stück seiner Sennsucht legt. Seine tiefste Deutung gewinnt das Symbol der Liebe im „Schleier der Beatrice". Das Leben schlägt über den Menschen dieses Dramas zusammen, ohne daß sie seiner teilhaftig wurden. Die Angst, um eine Liebe mehr betrogen zu werden, der Drang nach einer immer berauschenderen Fülle läßt die lebendige Gegenwart achtlos zu Boden gleiten. Wo sie sich aber den Umarmungen hingeben, da wird der Wille zu besitzen unendlich viel mehr als ein bloßes Zueinanderkommen,

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